Review // Bericht Sir Simon’s Late Night: Berliner Philharmoniker, Special Guest Soloists.

LIVE: LATE NIGHT at the Philharmonie, Farewell to Sir Simon Rattle. Members of the Berliner Philharmoniker, Special Guest soloists.

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Sir Simon Rattle hat bei den Berliner Philharmonikern viele Neuerungen gebracht in seiner 16-Jahre langen Amtszeit als Chefdirigent. Wie ehrt man ihn also am besten? Man packt so viele wie möglich von Sir Simons Neuerungen in einen schwungvollen Late-Night Abend, den Sir Simon ja selbst bei den Philharmonikern etablierte. Dazu sind mit Kanzlerin und Bundestagspräsident die Nummer zwei und drei im Staat anwesend. Es wird der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker verabschiedet, da kommt man ja gerne. Außerdem lädt man namenhafte Überraschungssolisten ein, Sir Simon selbst sitzt im Publikum, neben Merkel. Man lässt es sich gut gehen in der Philharmonie.

Das gesamte Orchester nimmt hinten auf den Podiumsplätzen Platz, der Saal wird dunkel gedimmt. Es herrscht gute Stimmung, kurz davor haben die Philharmoniker unter Sir Simon ein exzellentes Konzert mit unter Anderem Krystian Zimerman gespielt. Die Philharmonie ist voll, dann stehen ein Hornoktett, zwei Schlagzeuger und Solobassist Janne Saksala mit einem e-Bass plötzlich auf der Bühne und beginnen John Adams’ Rattle my Cage, wie es oben auf den Textbildschirmen heißt. Eine Weltpremiere, ein kleines Stück Tapas. Ganz Sir Simon also. Das Stück selbst ist typischer Adams, flirrende Klänge, grelle Akkorde und dieser konstante Schlagzeugrhythmus unter der Melodie, von der philharmonischen Horngruppe perfekt gespielt.

Nach Rattle my Cage beginnt Sarah Willis mit ihrer Moderation, die sich als ein herrlicher Faden britischen Humors durch den Abend zieht. Zuerst heißt sie “Simon’s All-Stars” willkommen, eine Gruppe von Solisten, die in der Ära Sir Simon immer wieder gern gesehene Gäste in Berlin waren. Mark Padmore, Mitsuko Uchida, Christian Gerhaher und Ohad Ben-Ari betreten die Bühne. Das muss man auch erstmal bringen. Laut Sarah Willis sind sie allesamt um die halbe Welt geflogen, um heute Abend anwesend zu sein und für Sir Simon Musik zu machen. Zuerst setzt sich Ohad Ben-Ari ans Klavier, beginnt ein modernes Stück von Brett Dean, dem ehemaligen philharmonischen Bratscher und erfolgreichen Komponisten. Plötzlich regt sich etwas neben Sir Simon, seine Ehefrau Magdalena Kozena läuft auf die Bühne und singt mit, Dean hat lustigen englischen Text modern vertont, die ein oder andere Belustigung ist drin.

Nach dem Stück von Dean singt Christian Gerhaher (der gerade von den Parsifal-Proben aus München herüber geflogen ist) aus Brahms’ Die Schöne Magelone, Mark Padmore widmet sich Schuberts Schwanengesang, danach singen beide zusammen das Duett Die Meere. Mitsuko Uchida begleitet am Klavier, das bekommt man auch nicht alle Tage zu hören. Wunderbar nuancierter Gesang, deutlichste Phrasierung. Heute Abend stehen wahrhaftige Größen des Liedgesangs auf der Bühne. Nur Padmores Spitzentöne beim Schubert wirken vielleicht ein bisschen gepresst, aber das ist wahrhaftig Kritik auf dem höchsten Niveau. Alle Beteiligten haben eine herrliche Affinität für diese Musik, agieren dynamisch höchst sorgsam. Und Mitsuko Uchida spielt so sorgsam, dass wir am Ende von jedem Stück eine wunderbare, sich ins Nichts verlierende Stille im Saal erleben können.

Ach ja, und dann singt Rattles Ehefrau Kozena noch einmal, es gibt Lieder von Janacek. Der einzige Moment, wo der Abend etwas lang wird. Die melancholischen Janacek-Lieder wirken halt etwas deplaziert. Freundlicher Applaus. Sie muss halt immer irgendwie da sein, singt auch nächste Woche in der Waldbühne. Frau Kozena war oft da, als Melisande (fantastisch nuanciert), als Octavian (naja), als Carmen (deplatziert), als Kind in Ravels L’Enfant et Les Sortileges (wunderbar französisch-komisch), als Zweite Dame in der Zauberflöte (herrlich schnulzig). Durchwachsen wars mit ihr. Wenn Petrenko seine Lebenspartnerin (laut Gerüchten ja Anja Kampe) so oft engagiert wie Rattle die Kozena, brauchen wir uns zumindest um den Wagnergesang in der Philharmonie keine Sorgen machen. Den hat Kozena wohl als einziges Fach unter Rattle nicht angefasst. Obwohl, laut bösen Zungen war es ja ein Wunder, dass Kozena nicht in Rattles Parsifal zu Ostern dieses Jahr als Kundry debütierte. Aber sei’s drum.

Nach (etwas vielen) melancholisch-deplatzierten Janacek-Liedern muss man nun den Abend herumreißen. Also, um Gottes Willen, schnell wieder Spaß haben! Das Orchester nimmt Platz, Sarah Willis moderiert: “Now it’s our turn.” Das Orchester sitzt, Noten sind offen, das Dirigentenpult steht. Aber wer dirigiert? Plötzlich betritt, ohne jede Ankündigung, Daniel Harding die Bühne. Der ehemalige Assistent Claudio Abbados ist dem Orchester seit langer Zeit verbunden, der gern-gesehene Gastdirigent gilt als spannendster junger Brite am Pult und wird mit warmem Applaus empfangen. Man hat die wichtigsten Stücke der Rattle-Ära in ein nettes etwa 15-Minütiges Arrangement für Orchester gepackt. Nacheinander werden, mit netten Übergängen, die Fünfte Mahler, Asyla von Ades, Sacre, die Matthäuspassion, der Walkürenritt und so weiter heruntergerattert. Harding dirigiert das kleine musikalische Späßchen mit wunderbaren Temperament, für den 63-Jährigen Rattle endet das Ganze dann mit Swing, ein Orchesterarrangement von When I’m Sixty-Four von den Beatles. Super, Lacher überall, besser gehts doch nicht.

Aber einmal mehr belehren einen die Philharmoniker eines Besseren: Es geht immer besser. Wer kann es besser als die ausdrucksstärkste Sopranistin der Rattle-Ära, Barbara Hannigan? Harding tritt unter großem Applaus ab, das Orchester wird etwas verstärkt. In das allein begonnene Swing-Vorspiel platzt Barbara Hannigan herein, während sie die Treppe zwischen Rattle und Merkel im Block A herunterrennt. Eine ausdruckstärkere und tonal kunstvollere Sopranistin wird man selten finden. Sie singt und dirigiert auch noch gleichzeitig, es gibt Auszüge aus Girl Crazy von Gershwin. Der amerikanischen Musik hat Rattle immer große Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das swingt herrlich, und bei Embraceable You legt das Orchester plötzlich die Instrumente ab und singt den Refrain einmal mit. Und die Philharmoniker sind ein verblüffend guter Chor! Da ist tonale Sicherheit und mehrere beachtenswerte Sopranstimmen, das verdient Respekt! Wenn der Rundfunkchor vor einem Brahms-Requiem mal kurzfristig krank wird, kann da auch ruhig das Orchester übernehmen.

Und dann bleibt noch das Orchester selbst. Die Solisten setzten sich an den Rand der Bühne, die Philharmoniker singen tatsächlich noch einmal selbst. Das Stück heißt Come Again, am Ende holt Sarah Willis Sir Simon auf die Bühne, gemeinsam trinken Solisten, Orchester und Sir Simon ein Glas auf der Bühne, stehende Ovationen. Eine Ära geht zu Ende, und heute Abend schaffte man es in der Philharmonie, das alles in 90 Minuten wunderbare Musk zu packen. Selten ist man so voller Freude und Dankbarkeit aus der Philharmonie gegangen.

Ließ hier ein Editorial zur Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern!

Schaut auch gerne auf den anderen Posts meines Blogs vorbei! Es gibt weitere Konzertkritiken (Rattle mit Neunter Bruckner in AmsterdamRattles Parsifal mit den Berliner Philharmonikern), Aufnahmekritiken (Tschaikowsky KlavierkonzertDvorak Cellokonzert) und meine Gedanken zu allen wichtigen Neuigkeiten der Klassik. Also, lasst uns gemeinsam Spaß an der Klassik haben!

// ENGLISH

One of Sir Simon Rattle’s most beloved innovations during his time as chief conductor of the Berliner Philharmoniker are the late-night concerts. Significantly reduced ticket prices for roughly an hour of music with great soloists and members of the orchestra, starting at 10pm after the usual evening subscription concerts. So how could the members of the orchestra honour their beloved chief conductor upon his goodbye with a special late night just for him? And everyone turned out for the occasion last night; former members of the orchestra, star soloists, Chancellor Angela Merkel, President of Parliament Wolfgang Schäuble and of course Sir Simon himself in the audience. When a chief conductor of the Berlin Phil ends his tenure, the high society of Berlin once again streams into Karajan’s temple.

In the beginning, the orchestra sits on the podium seats in the read quarter of the stage, the lights are dimmed down. Everyone is in a good mood, just a few minutes before the Philharmoniker gave a superb concert with Sir Simon conducting and Krystian Zimerman as the soloist. Now, the Philharmonie is once again packed and the Berlin phil horn octtett, two percussionists and an e-bass player are ready perform. They start playing John Adams’ Rattle my Cage, a world premiere. What would be more fitting to commemorate Sir Simon’s efforts for modern music than with a small bite of tapas? The piece itself is typical Adams, fiery sounds, stunning chords and that constant percussion rhythm put under the music. The Philharmonic horn section is impeccable.

After Rattle my Cage Sarah Willis starts leading through the evening with her tasteful British humour and welcomes “Simon’s All-Stars” to the stage, “a group of soloists that prominently featured in Sir Simon’s time in Berlin.” Out onto the stage walk Mark Pardmore, Christian Gerhaher, Mitsuko Uchida and Ohad Ben-Ari. Not every orchestra will be able to pull those out of a hat. Journeys around half the world had been involved in order for them to get here tonight and make music for Sir Simon. First, Ohad Ben-Ari takes a seat at the piano for the second world premiere of the night, a short piece by the Philharmonic’s former violist and now esteemed composer Brett Dean. All of a sudden, Sir Simon’s wife, Magdalena Kozena jumps up from her seat, enters the stage and stars singing. Dean took a hilarious english text and set it to modern music, laughs included.

After the piece by Dean, Christian Gerhaher sings from Brahms’ Die Schöne Magelone. He made the trip from Munich, where he is currently rehearsing for the Bayrische Staatsoper’s new Parsifal production. Mark Padmore sings from Schubert’s Swan Song, after that the two star singers join forces for the duet The Oceans. Their singing features exquisite nuance, the clearest phrasing, making it all too clear that some of the greats of Lieder interpretation are on stage tonight. Only Padmore’s highest notes seem a little forced, but that is nitpicking at the highest level. All the while they are accompanied by the great Mitsuko Uchida, who plays with such temperament and feeling, that we get a wonderful silence at the end of every song, when she lets the music fade quietly into oblivion.

And then there is Magdalena Kozena once again, singing songs by Janacek. This might be the only moment, where the evening goes a little long. The melancholic Janacek songs seem a little misplaced among the soulful Brahms and the modern music before. Courtious applause. For some reason, she always has to be there, she is also singing at the Waldbühne next weekend. She was a guest many times, we heard her as Melisande (wonderful nuance), Octavian (well…), Carmen (rather misplaced), the child in Ravel’s L’Enfant et Les Sortileges (beautiful french humour) and the second lady in the Magic Flute (juicy mezzo). Now always perfect. If Petrenko gives his partner the same treatment (rumour has it it’s famed Wagner soprano Anja Kampe), we certainly don’t have to worry about German opera singing at the Philharmonie anymore.

After (a few too many) melancholic Janacek songs the evening needs to turn heel. So let’s have fun again, and quickly! The orchestra takes their seats, Sarah Willis declares “now it’s our turn.” The orchestra, the rostrum, the notes, all is ready. But who is going to conduct? Well, without any glamorous entrance, Daniel Harding enters the stage. As former assistant to Claudio Abbado, he has a long-standing relationship with the orchestra and was a warmly-received guest in the Rattle-era at Karajanstrasse. He is greeted with warm applause and conducts a 15-minute long arrangement of all the great orchestral pieces of the Rattle-era. One after the other, with well-rounded transitions in between, we go through the Mahler 5, Asyla by Ades, Sacre, the St. Mathew Passion, the Ride of the Valkyries and others. Harding exercises great temperament in his interpretation, sensing that tonight is a night for fun. Finally, the arrangement ends with the swing and the Beatles; When I’m sixty-four, for Sir Simon, who is currently 63. You should think that you can’t top that.

Well, this is the Berliner Philharmoniker. Turns out, they can top pretty much anything. For example by pulling Barbara Hannigan out of the hat as the next star soloist. Harding leaves the stage chaperoned by warm, loud applause, the orchestra gets a few more musicians and then begins a swing-prelude. Barbara Hannigan buts in, with her unique expressiveness, as she runs down the stairs in the audience between Rattle and Merkel. She sings and conducts at the same time, paying homage to Rattle’s love for the American repertoire in excepts from Gershwin’s Girl Crazy. And when Embraceable You comes around, the orchestra puts down their instruments and actually starts singing the chorus along with Hannigan. And believe it or not, the Berlin Phil make a surprisingly good chorus with a robust bass note and some astounding soprano voices in between. Good to know that if the Rundfunkchor ever falls ill before a Brahms Requiem, the orchestra can take over.

And then, after all the musical thank-yous from great soloists, the orchestra itself remains. The soloists have cleared the stage and are watching from the sides, as the Philharmoniker actually turns into a full-size choir, singing Come Again. Sarah Willis drags Sir Simon onto the podium, where Champagne, white wine and standing ovations await. After 90 minutes of wonderful music and positive emotions, I have seldom left the Philharmonie with so much thankfulness.

Read an Editorial on Sir Simon’s tenure as chief conductor of the Berliner Philharmoniker right here!

Please have a look around the rest of my blog as well! There are reviews of concerts (Rattle’s Parsifal with the Berliner PhilharmonikerRattle with Bruckner 9 in Amsterdam), recordings (Tchaikowsky’s Piano ConcertoDvorak’s Cello Concerto) as well as thoughts on all the news of classical music.
Let’s have some fun with classical music together 🙂

 

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