Review // Bericht Rattle, Berliner Philharmoniker, Bruckner, Abrahamsen

LIVE: Bruckner 9 (complete version), Abrahamsen Three Pieces. Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle. Concertgebouw Amsterdam, 5.6.2018.

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Sir Simon Rattle feiert seinen Abschied als Papst der Klassikwelt und Chef der Berliner Philharmoniker mit einer letzten Wunschtournee durch Europa. London, Amsterdam, Köln, Barcelona unter Anderem. Nun machten er und sein Edelklangkörper im Concertgebouw Station, mit einem Programm aus Werken von Hans Abrahamsen und Anton Bruckner. Es ist das erste Mal, dass ich die Philharmoniker außerhalb ihres eigenen Hauses höre.

Die Hommage an die Ära Sir Simon beginnt bereits mit Hans Abrahamsens Three Pieces for Orchestra. Das Stück besteht aus drei Sätzen, von denen jeder auf seine eigene Art rhythmus-geprägt ist. Jeder besitzt einen Puls, der unter allem Melodischen mitschwingt. Sir Simon, der ja in jungen Jahren noch die Pauken des Liverpool Philharmonic traktierte, ist hier vor allem rhythmischer Koordinator. Die Klangfarben sind igrell und wogend, wie auf Rattles Philharmoniker zugeschnitten. Von der Schlagzeuggruppe mit Präzision vorgetragen, Konzertmeister Noah Bendix-Balgley mit vorbildlich farbigem Solo im zweiten Satz. Insgesamt ist Three Pieces for Orchestra ein wohlschmeckendes mini Amuse bouche zum großen Bruckner.

Während der folgenden Neunten Symphonie von Anton Bruckner fühle ich mich an das Hamburger Brahmsdenkmal erinnert. Am Johannes Brahms Platz in Hamburg findet man einen großen Sockel aus rotem Stein mit vier verschiedenen Gesichtern von Johannes Brahms, immer in einem anderen Lebensabschnitt. Heute Abend im Concertgebouw steht der Sockel mit den vier Köpfen verschiedenen Alters nicht für ein Komponistenleben, sondern für den Reifeprozess einer sechzehnjährigen Beziehung zwischen Dirigent Sir Simon Rattle und seinem Orchester.

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Auf dem ersten Kopf des Hamburger Sockels sieht man einen jungen Komponisten, der seinen Weg in der Musik sucht. Einen ähnlichen Findungsprozess hört man auch im ersten Satz der Brucknersymphonie. Rattle und Orchester spielen sich noch warm, schießen sich auf ihren Stil ein, wie wir das in den ersten Jahren der Partnerschaft erleben konnten. Hier wird die romantische Musik noch „konventionell“ bearbeitet, die Streicher schwelgen, die Melodiebögen werden großzügig gespannt. Spannung ist natürlich dabei, aber eben im älteren Interpretationssinne: Wir lassen Bruckner Bruckner sein, die Tempi sind mäßig, die Musik passiert. Das Ganze wirkt noch etwas zaghaft, wie wenn sich ein Orchester und dessen neuer Chef akklimatisieren. Das erlaubt auch eine exponiertere Stellung der Solobläser, die gerade hier mit betörenden Soli den Zuhörer abholen. Rattle lädt das Publikum ganz zahm zu sich in den Musiktempel ein.

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Dann der nächste Kopf auf dem Sockel: Ein junger Mann, der weiß was er will. In der Coda des ersten Satzes und im gesamten zweiten Satz begegnet uns ein Prinzip, welches große Teile der Ära Rattle in Berlin prägte: Überwältigungsmusik in ihrer schönsten Form. So dermaßen schön, dass man kaum stillsitzen kann. Als Karajan einst Bruckners Siebte dirigierte, musste Anne Sophie Mutter gar den Saal verlassen vor Spannung. So ähnlich fühlt sich das hier im Concertgebouw an. Die schieren Klangmassen, die die Philharmoniker wie kaum ein anderes Orchester zu entfesseln vermögen, sind im Höreindruck wahrhaftig kaum messbar.

Rattle hat in seiner Zeit als Chefdirigent den tiefen philharmonischen Klang trainiert, gesteigert, mal übersteigert. Aus der seidigen, heiligen Gruft Karajans erhob er ihn zu einem Instrument der Energieübertragung, das mehr Watt und Volt bewältigt als jedes Umspannwerk. Dieses Instrument wird im zweiten Satz auf Höchsttemperatur erhitzt, Rattle hat den Zuhörer genau dort, wo er ihn haben will. Er überwältigt mit Klangmassen, die er nur gerade noch so bändigen kann. Im zweiten Satz ist Rattle Magier, sucht die Gradwanderung, die Grenze, die Klinge des Messers. Damit geht auch einher, dass manchmal Etwas wankt, gerade die rhythmische Abstimmung und das von Karajan ewig gepredigte synchrone Pizzicatospiel (welches in diesem Satz wohl jedem Orchester schwerfällt) sind in wenigen Momenten etwas unsicher.

Gerade in der Frühphase der Rattle-Ära sorgte diese Überwältigungsmusik für Kritik- „Immer Brimborium, wo bleibt die Substanz?“ wurde da gerne gefragt. Als Antwort dient der Live-Höreindruck: Die Substanz ist der volle, aber gerne auch gleißend helle, brennend süße und damit kaum adäquat in Worte zu fassende Orchesterklang. Von einem weichen Teppich an Schönklang sind die Philharmoniker unter Rattle zu einem pulsierenden Vulkan geworden. Rattle schafft das vor allem durch exponierte, gestraffte Streicher, die wohl beste Kontrabassgruppe der Welt und eine Blechbläsergruppe, die durch ihre helleren Schattierungen (im Vergleich zu anderen deutschen Spitzenorchestern) als Dreh- und Angelpunkt fungiert. Und bei Bruckner haut das grandios hin. Rattle dirigiert wie fast immer ein schnelleres Tempo, im Trio erinnert dieses Scherzo schon eher an das Scherzo der Sechsten, mit melodischen und harmonischen Blitzen durchzuckt. Dieser Satz ist ohne Frage das Highlight des Abends, auch weil ihn jeder versteht. Man muss diese Symphonie nicht schon zehnmal gehört haben, um die Blitze dieses Scherzos zu erleben, um zu spüren wie die musikalische Welle über einem herunterknallt. Und auch damit bleibt sich Rattle treu: Musik ist für jeden zu verstehen, zu genießen, zu erleben.

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Dann der dritte Kopf auf dem Denkmal: Ein älterer Herr, der aus dem Vollen schöpft. Jetzt, wo Rattle im letzten Satz den Zuschauer überwältigt hat, tritt er noch nach. Er geht  tatsächlich noch einen Schritt weiter und überzeichnet, dirigiert mit diesem grimmigen Rattle-Gesicht, weit vorgeschobener Unterkiefer und exponierte Zähne inklusive. Im doch eigentlich getragenen Adagio lässt Rattle dem Zuhörer keine Sekunde Ruhe. Die Streicher dürfen nicht mehr schwelgen wie ihm ersten Satz. Ihre Melodien tragen sie zwar verführerisch vor, aber durch oft ruppige Bogenführung und eine exponierte Harmonik (beide Schlusssätze riechen schon entfernt nach Zweiter Wiener Schule) wirkt dieser Satz unruhig, mal zerknirscht. Vor allem die Bassgruppe erschüttert in diesem , das scheinbar ruhige, tiefe Brucknerwasser. Rattle sagt selbst, durch den angefügten Finalsatz bekommt dieses Adagio einen anderen emotionalen Charakter. Hier zeigt er, was er meint: da er noch ein Finale vor sich hat, kann er im Adagio in die Vollen gehen (überzeichnete Dynamik, forcierte Phrasierung) und bringt den Zuhörer nicht um das schöne Finale.

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Die letzte Seite, das letzte Gesicht, ein Mann mit würdevollem Bart, das Endbild einer großen Karriere. Der (teils rekonstruierte) letzte Satz, alle Einflüsse kommen zusammen. Rattle kann hier nicht ganz so in die Extreme gehen, weil die Musik auch weniger bekannt ist. Sie ist für den Zuhörer nicht so durchsichtig wie die anderen drei Sätze. Natürlich hat dieser Finalsatz alles, was ein anständiger Bruckner-Finalsatz braucht: Drei Themen, einen Blechbläserchoral wo alle Themen der vorangegangenen Sätze noch einmal zu Gehör kommen und eine Endung in Dur. Rattle dirigiert wieder deutlich nuancierter und umsichtiger, lässt aber die Dynamik immer wieder angenehm forciert hochkochen, zeigt was dieses Orchester kann. Oft spielen Orchester heutzutage dynamisch eher verhalten, letztens hörte ich etwa in einer Vierten Symphonie von Tschaikowsky in Rotterdam nur ein einziges richtiges Fortissimo. Bei den Philharmonikern gab es ganz sicher genug glorreiche Fortissimi. Dafür sind die Tempi im Finale etwas moderater, die Phrasierung ist wieder etwas freier, wie zu Beginn.

Die Berliner Philharmoniker sind unter Sir Simon zu einem kompletteren Orchester geworden, dessen Energie Kirill Petrenko ab 2019 bändigen muss. Nach knapp anderthalbstunden kommt es mit einem strahlenden letzten Akkord zu einem Finale, das einen Satz, ein Konzert, ein Erlebnis, eine Ära abschließt. Zwischen Sir Simon Rattle und seinen Musikern entsteht Musik als Produkt einer vollendeten Beziehung, wie sie nur über sechzehn lange Jahre entwickelt und gereift sein kann.

Eine längeres Editorial zu Sir Simons Zeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker findet ihr hier.

Schaut auch gerne auf den anderen Posts meines Blogs vorbei! Es gibt weitere Konzertkritiken (Salome am Royal Opera HouseJansons und Trifonov mit den Berliner Philharmoniker), Aufnahmekritiken (Kissin und KarajanBarenboim und Du Pré) und meine Gedanken zu allen wichtigen Neuigkeiten der Klassik. Also, lasst uns gemeinsam Spaß an der Klassik haben!

// ENGLISH

Sir Simon Rattle bids the Berlin Philharmonic goodbye, after 16 years at the helm of the mighty flagship of classical music. A final tour leads him through Europe, to London, Amsterdam, Cologne and others. Last night, at the Concertgebouw, Rattle and his superb orchestra played a program of music by Hans Abrahamsen and Anton Bruckner. For me, it is the very first time hearing the Berlin Phil outside of their home in the Philharmonie.

The homage to Sir Simon and his time with the Berlin Phil begins with Hans Abrahamsen’s Three Pieces for Orchestra. Made up of three distinctly rhythmical movements, the piece accentuates the Berlin Phil’s profound sense of pulse through a constant rhythmical structure supporting the various melodies. This might have been a wink to Sir Simon’s start in orchestral music, back when he was a substitute timpanist at the Liverpool Philharmonic. Sir Simon is dictating the rhythm here, guiding the on-point percussion section through Abrahamsen’s distinct and difficult rhythmic visions. Above the percussion, the orchestra’s soloists get a chance to shine, especially concertmaster Noah Bendix-Balgley with a colourful solo in the second movement. All in all, Three Pieces for Orchestra is a pleasant amuse bouche for the Bruckner.

During the following Ninth Symphony by Bruckner, I am reminded of the Hamburg memorial to Johannes Brahms. At Johannes Brahms square you will find a square block of stone, with four different faces from four different times of Brahms’ life on its four different sides. Tonight at the Concertgebouw, the faces do not represent the different stages of life of a great composer, but the evolving relationship between Sir Simon Rattle and his orchestra.

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The first head of the block shows a young man finding his way in music. And you will find a similar process of finding one’s voice in the first movement of the Bruckner. Sir Simon and the orchestra are warming up to one another and working towards their distinctive style. At first, Rattle and his musicians attack the music in a more “conventional” romantic way. The strings are more luscious, the tempi are moderate, the arcs of suspense are accentuated and generously laid bare. Two musical forces are acclimating to one another, which allows the solo woodwinds to use that freedom and present outstanding colouring and solo work in the first movement. The movement is exciting, but more in the old-fashioned sense: Leave Bruckner be Bruckner, let the music happen on its own accord. Seeming all gentle and smiles, Rattle invites the listener into his musical temple.

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Here is the next head on the block of stone, the face of a man who knows what he wants, has found has way in the music. Throughout the coda of the first movement and the entire Scherzo, we find a principle that dominated much of the Rattle-era in Berlin: An energy that is designed to overwhelm the listener to such an extent, that one literally cannot sit still. Back in the day, the young Anne-Sophie Mutter was in the audience for a Bruckner 7 conducted by Karajan and played by the Berlin Phil; she walked out in the second movement, unable to bear the tension. While everyone stayed at their seats here, the feeling was similar throughout the second movement.

The Berlin Phil wields incredible sonorous forces and the Bruckner symphony plays to their strengths. In his time as chief conductor, Rattle has tuned the sound of the orchestra, he has trained, strained and (at times) over-strained it. The sound is now on a different level than under Karajan: Going from the latter’s fine, satin and mellow bass, Rattle injected pure, pulsing and at times raw energy in the Philharmonic’s playing. Especially in the second movement, the orchestra heats up to temperatures that one cannot help but deem borderline. And, as is easily visible and audible, this is Rattle’s pleasure: He searches for that huge mass of sound, that is just about to slip beyond his control. The themes of boundary-pushing and riding on a knife-edge are prevalent in Rattle’s handling of the orchestra. This also means, that he occasionally pushes a little too far: The rhythmical coordination and Karajan’s evergreen, the synchronised pizzicato, are admittedly in peril on a few occasions in this movement.

Particularly in the early phase of Rattle’s reign as chief conductor, this theme of intentional musical awe was the subject of much criticism. Critics felt that Rattle’s direction, while often exciting and tuned for maximum effect, lacked substance and depth. To answer their concerns, you only need to hear it live. What else but substance could be found in that full-bodied, radiating and at times bittersweet orchestral sound? Rattle transformed the Philharmonic from a soft carpet of sound to a pulsing volcano about to erupt. To get there, Rattle put the strings into the forefront to transmit dense and dazzling bright colours and used the brass group (which has a lighter shade to its playing than most other traditional German orchestras) as a focal point in his orchestral sound solution. And this works wonderfully with Bruckner. In the trio of the second movement the traditional faster Rattle-tempo reminds the listener of the trio of Sixth, with harmonic and melodic flashes of lightning flying through the hall. This movement is the highlight of the evening, no doubt. It is easy to understand what Rattle does with the music here: You do not have to have heard this symphony 20 times to appreciate his intentionally overwhelming musical approach. The wave of music just collapses in on you. And, in that approach, Rattle stays true to himself: Music should be understandable and comprehensive to everyone.

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Now for the next head on the Brahms memorial: An older man, at the peak of his abilities. Now that he has the listener captivated, Rattle goes that one step further, motivating the orchestra to overstretch what the music gives, focusing on sharper contours and rougher phrasing. Sporting his trademark extended lower jaw and exposed teeth, Rattle does not grant the listener one second of calm in the usually more reposeful adagio. While the strings’ melodies are written just as beautifully as those in the first movement, their bowings are changed to make the music less beautiful and allow the music to gravitate towards the Second Viennese school. Especially the (fantastic) double bass group disturbs the calm deep sea of Bruckner’s music. According to Rattle, the finale allows the adagio to become a different emotional force, a rougher, more remorseful music. Rattle can happily take the adagio to the extremes, as he has a new, grand finale to close the concert with in the fourth movement. This tendency developed especially in Rattle’s later years in Berlin, showcased in his Beethoven symphony cycle back in 2016.

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The final face on the Brahms memorial in Hamburg features an old man with a grand, long beard, the final picture of a long career. Rattle cannot venture into the extremes as much in the lesser known fourth movement, so instead he proceeds to draw from all three of his previous “phases” and their ideas, to form a coherent, encompassing whole. Naturally, the movement has anything a good Bruckner finale needs: Three themes, a brass choral passage and (most importantly) an ending in major. Rattle turns this movement into a showcase for the orchestra, accentuating more beauty than in the adagio, but always with an eye for how he can show the orchestra’s dynamic force. The latter is particularly important, considering that more and more orchestras today feature a more subdued dynamic playing. A few weeks ago, in a performance of Tchaikovsky’s Fourth in Rotterdam, I heard only one single real fortissimo. The Berlin Phil sports grand  orchestral power in the finale, paired with the beautiful phrasing and moderate tempi of the first movement.

Under Sir Simon Rattle, the Berlin Phil have become a more complete orchestra. After 90 minutes, we have a final d-major chord and a finale that closes on both a symphony and an era. The relationship between Sir Simon and his musicians has been nurtured and developed for over 16 years, and it truly paid off tonight.

You can find an editorial on Sir Simon’s time as chief conductor right here.

Please have a look around the rest of my blog as well! There are reviews of concerts (Salome at the Royal Opera HouseJansons and Trifonov with Bruckner, Schumann and the Berlin Philharmonic), recordings (Kissin and KarajanBarenboim and Du Pré) as well as thoughts on all the news of classical music.
Let’s have some fun with classical music together 🙂

3 thoughts on “Review // Bericht Rattle, Berliner Philharmoniker, Bruckner, Abrahamsen

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