Review // Bericht Menahem Pressler, Schumann Quartett, Franck, Tschaikowsky, Mozart

LIVE: Menahem Pressler, Schumann Quartett, Franck, Tschaikowsky, Mozart. Philharmonie Berlin, 5.4.2018

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Oft wird man Menahem Pressler wohl nicht mehr erleben. Der 94-Jährige (!) wird inzwischen von seiner Lebensgefährtin zum Flügel geleitet und ist froh, dass er noch keine Arthrose in den Fingern hat. So wird jeder seiner Auftritte zu einem musikhistorischen Ereignis und stürmisch gefeiert. So auch im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, wo er mit dem Schumann Quartett das Klavierquintett in f-moll César Franck interpretierte.

Alle Musiker des Schumann-Quartetts sind jung, drei von ihnen sind verwandt. Erik (1. Geige), Ken (2. Geige) und Mark (Violoncello) sind Brüder aus dem Rheinland, 2012 kam dann die in Talinn geborene Bratschisten Liisa Randalu hinzu. Seitdem ist das Ensemble auf dem aufsteigenden Karriereast, wurde jüngst in die Chamber Society of Lincoln Center aufgenommen.

Das Klavierquintett von Franck ist kein einfaches Stück für den Zuhörer, es stellt Ansprüche. Franck meißelt hier scharfe Klangklippen heraus, die nicht immer leicht ins Ohr gehen. Obwohl die Musiker emotional agieren müssen, ist jeder Schritt zum Kontrollverlust einer zu viel. Dafür ist das Stück zu harmonisch komplex. Es fordert von allen Beteiligten höchste Aufmerksamkeit, und das macht das Konzert spannend.

Für das Quartett sind diese Konzerte selbstverständlich ein Highlight. Eine andere Konzertgeherin vermerkt scherzend, zusammen genommen seien die vier jungen Quartettspieler sicher jünger als Pressler. Natürlich kommen sie nicht an Presslers musikalische Erfahrung heran. Sein Spiel ist unvergleichlich, besonders die rechte ist magisch. Sein Anschlag ist vernebelt und doch entschieden, wie ein Sonnenstrahl, der durch den Dunst kommt. Pressler spielt den effektvollen Klavierpart klar und prägnant, aber nie steril.

1946 gewann Pressler den Debussy-Wettbewerb in San Francisco, seitdem steht er auf der Bühne und spielt Kammermusik. Mit seiner großartigen musikalischen Erfahrung entwickelt Pressler einen Anschlag, der in die Glieder fährt. Während die Rechte also mit brillanten hohen Tönen die Zuschauer fesselt, ist die Linke etwas ungenauer in der rhythmischen Strukturierung, die Konturen sind verschwommener. Die Details überlässt Pressler hier den Streichern. Er streicht links mit breiterem Pinsel und bringt den Zuhörern die polyphone Schichtung der Musik nah.

Pressler fügt sich grandios in den Klang des Ensembles ein, ist nie Solist oder irgendwo unnötig im Vordergrund. Er weiß, alle Augen ruhen sowieso eher auf ihm, da zieht er sich in der Musik in seine angestammte Rolle als erfahrener Kammermusikpianist zurück. Dieser Abend war schon durch einfach durch seine Anwesenheit großartig, aber Pressler spannt den Bogen so gekonnt zwischen Spannung und klanglicher Prägnanz, dass dem Publikum angesichts seines Alters die Spucke wegbleibt.

Was macht das Quartett? Auf jeden Fall trauen sich die jungen Musiker etwas, Dynamik und Bogenführung sind couragiert. Allerdings scheinen sie Pressler nacheifern zu wollen, der am Flügel scheinbar ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken große Emotionen hervorbringt. So bekommt man das Gefühl, dass das Quartett hier und da über das Ziel hinausschießt. Das Engagement wird gerade zu Beginn des zweiten Satzes etwas zu hoch geschraubt, ein emotionaler Höhepunkt folgt auf den nächsten. Vorhersehbarkeit ist der schlimmste Feind des Künstlers.

Natürlich agieren die Musiker als eine erstklassige Einheit, in der beim Franck erste Geige und Cello die Führung innehaben. Aber gerade von Mark Schumann am Violoncello hatte ich mir etwas mehr erhofft. Möglicherweise ein variableres, emotionaleres Spiel, wo während der Wiederholung einer Stelle auch ein deutlicher Unterschied zum ersten Spiel der Stelle sichtbar ist. Es wäre interessant zu hören, wie er moderne Musik von etwa Boulez oder Henze spielt. Aber heute Abend liegt ja bekanntlich Franck auf den Pulten. Manchen wird er eher wie der Ruhepol im Quartett erscheinen, für mich fällt er ein bisschen ab. Auch beim Beginn der sonst großartigen Zugabe (das Intermezzo aus dem Klavierquintett von Shostakovich) ist sein Pizzicato-Spiel rhythmisch für mich wenig verständlich, gar etwas arm an Empfindsamkeit.

Damit haben wir beim Franck-Klavierquintett also einen Pianisten, der in der Musik vollkommen zuhause ist. Die Quartettleistung ist durchaus engagiert und verspricht großes für die Zukunft, aber dennoch ist sie hier nicht immer von Erfolg gekrönt.

Vor der Pause sitzt das Quartett alleine auf der Bühne und spielt Mozarts Streichquartett in B-Dur KV. 589. Durch das ganze Konzert hindurch ist der Ton von Erik Schumann an der ersten Geige äußerst hell, grell-farbig und (damit auch) von großer Durchschlagskraft. Er kann Akzente setzen, die Musik in Bewegung halten. Das geht aber leider auf Kosten des Gesamtklanges. Er spielt mit wenig Bogen, vielleicht ist er sich zu sicher, dass die (großartige) klangliche Stärke seines Spiels weniger Bogen benötigt. Damit wird der Fluss der Musik des Öfteren leider durch seinen besonders harten Ansatz unterbrochen. Da ist viel Emotion, aber die kann auch schnell flachfallen weil der Bogen überspannt wird. Schade.

Dafür tritt beim Mozart die großartige Bratschistin viel präsenter in Erscheinung. Ihr Spiel ist ein großartiger Gegenpol zum spannenden, aber doch wenig sensiblen Ansatz des ersten Geigers. Sie nutzt viel Bogen und bringt der Mittelstimme größere Präsenz, als ihr oft zugesprochen wird. Da ist Klang und Farbe, an der ersten Geige herrscht eher Kälte. Damit ist der Mozart also lebhaft in den Tempi und in der Phrasierung, aber klanglich ist das ganze Konstrukt etwas fehlerhaft.

Mozart stellt natürlich auch die höchsten Anforderungen an die Musiker. Im anschließenden Streichquartett Nr. 3 von Tschaikowsky gibt es andere Anforderungen, hier bringen die Musiker die beste Leistung des Abends. Sie agieren hier mehr als eine Einheit, auch weil Tschaikowsky eher für das Quartett als eine Einheit schreibt. Von Klang und Melodie her wird hier weniger zwischen den Instrumenten variiert als bei Mozart. Die gleißend-grelle Schwere des ersten Geigers bleibt natürlich. Ab dem 2. Satz gelingt es den Musikern aber, genuine Vitalität in ihrem Spiel zu entwickeln. Und dann bringen sie im 3. Satz einen schimmernden, hellen Klang zustande, um den sie jeder Lohengrin-Dirigent beneiden würde.

Also ist die Quartettleistung durchwachsen, gerade klanglich gibt es öfter Probleme. Dennoch, den großen Menahem Pressler nach der Pause mit einem solch anspruchsvollen Stück wie dem Klavierquintett von Franck zu erleben war ein großer Moment. Das wusste das Publikum in der Philharmonie, stehende Ovationen am Ende.

Schaut auch gerne auf den anderen Posts meines Blogs vorbei! Es gibt weitere Konzertkritiken (Barenboim solo mit Debussy im Boulez-Saal, Jansons und Trifonov mit den Berliner Philharmoniker), Aufnahmekritiken (Kissin und Karajan, Barenboim und Du Pré) und meine Gedanken zu allen wichtigen Neuigkeiten der Klassik. Also, lasst und gemeinsam Spaß an der Klassik haben!

// ENGLISH

Let’s be honest: In all likelihood, we will not have many more changes to hear the great Menahem Pressler. At the age of 94, he says that he is happy that the Arthritis has not reached his fingers yet. Under the guidance of his partner on the way to the Steinway, every single one of his performances becomes a notable moment in musical history and is lauded with celebrations and standing ovations. A moment when the most experiences chamber music pianist of our age takes the stage one more time. That is exactly what he did at the chamber music hall of the Philharmonie Berlin, where he played the Piano Quintet in f-minor by César Franck with the Schumann Quartet.

The Schumann Quartett is an exceptionally young ensemble, with three of the quartet’s players being brothers. Erik (1st violin), Ken (2nd violin) and Mark (cello) are brothers from Germany’s Rhineland area. In 2012, the Estonian violist Liisa Randalu joined the ensemble, that has since skyrocketed to fame in the chamber music world: It was inducted into the Chamber Society of Lincoln Center in 2016.

Franck’s Piano Quintet is not by any means an easy piece to listen to, the composer asks a lot of the listener. Franck sketches a piece that is dominated by rigorous music structures that demand that the musicians never lose control. The piece is inherently emotional, but also features a structure that necessitates constant oversight and a deep understanding of the music. It is in all aspects demanding, which makes the concert exciting.

For the Schumann Quartet these concerts are a highlight, beyond any doubt. Another concertgoer remarks jokingly that (in all likelihood) the ages of the musicians of the quartett taken together are still younger than their pianist. And, naturally, they cannot equal Pressler’s unique musical experience. His playing is of incomparable brilliance, especially the right hand is just magical. His attack is nebulous and yet burning as bright and clear as a flame. Pressler’s right sounds like a ray of sun distinctly piercing through the morning haze. The left hand is slightly less distinct in tone and rhythmical structure, the contours are a little less clear here. This is where Pressler (ever the experienced chamber musician) cedes the limelight to the strings. He makes more broad strokes in the lower regions of the piano and focuses more on the complicated polyphonic layers of the music, leaving the detail work to the quartet.

And Pressler is never the soloist. Even though everyone knows the spotlight is on him. He is never the grand master, never the wise old man, both personally and musically. So instead of focusing on the limelight, he stays with the music and works his way into the Frack piece, building a convincing bridge between tension and poignant sound. The fact that a 94-year old can strike that balance is quite incredible, the audience is visibly enraptured by the music that Pressler manages to produce, rightfully so.

What about the quartet? Well, the young musicians certainly do not hide behind the fame of their soloist. Courageously, they charge into the piece with energetic dynamics and generous bowing. They seem to want to follow Pressler, who manages to produce incredible emotions at the piano without so much as batting an eyelash. That also means that, in some passages, they overshoot where they want to go. Especially at the start of the second movement, the engagement of the young musicians seems a little forced, where one emotional highpoint immediately follows the next. Predictability is the artist’s worst enemy.

Obviously, the quartet forms a great chamber music entity, with the violin and cello leading in the Franck. But especially Mark Schumann at the cello leaves me wanting a little more tonight. I feel that there could be more variability, where one passage is repeated five times, dynamics and phrasing sound similar to me in most of the repetitions. I would be very interested as to how he plays modern music by Boulez or Henze for example. But tonight we are hearing Franck. To some, he may appear as a point of calm and repose in the ensemble, for me there is a little too much of that. Also, at the beginning of the otherwise fantastic encore (the Intermezzo from the piano quintet by Shostakovich) his pizzicato is slightly lacking to me in rhythmical precision and sensitivity.

In the Franck we have a pianist who rips the roof of the concert hall. The quartet gives an engaging and promising performance, but does not always succeed.

Before the interval we heard the quartet on its own playing Mozarts Strinquartet in B-falt Major K. 589. Throughout the entire concert, the sound of Erik Schumann at the first violin was extremely glaring, overly bright and (therefore) also of handsome assertiveness. He keeps the music moving through injecting some unexpected accents into the music. But sadly, that impacts the overall sound of the quartet. Erik uses his bow sparingly, relies too much on the (impressive) pure sound of his playing. With that, the flow of the music is interrupted at times through his harsh beginnings, giving the whole thing a slightly overly emphatic feel.

But in exchange, the Mozart moves the fantastic violist to the forefront. Liisa Randalu makes for a wonderful opposition to the exciting, but slightly insensitive playing of the first violinist. She uses her bow to the fullest and affords great presence and effort to the middle voice, much more than it usually gets. She delivers the sound, the vibrant colours, the warmth. While the first violin transmits something more akin to overdone emotion, Randalu sounds truly genuine. The rest of the Mozart is lively in tempi and phrasing, but in terms of sound the construct is slightly lacking, because not all musicians are on the same page.

Mozart poses the highest demands to all musicians. Getting him right is truly a challenge. The following piece, the String quartet No. 3 by Tchaikowsky, demands different things of the musicians. Here, they bring their best. They act in greater unison, also because Tchaikowsky composes the string quartet as a more tightly knit entity. There is fewer variation between the individual instruments in terms of sound and melody with the Tchaikowsky comparted to the Mozart. Naturally, the sound of the first violinist remains. However, from the second movement onwards, the musicians integrate genuine vitality into their playing. In the third movement, they create a delicate, bright shimmering that would make any Lohengrin-conductor jealous.

So while the quartet is not in perfect form, especially in terms of a united-sounding entity, the evening ends on a great high. Being able to witness Menahem Pressler’s playing in the Franck was truly a great moment. And the audience in the Philharmonie knew just that, gracing all involved with standing ovations.

Please have a look around the rest of my blog as well! There are reviews of concerts (Barenboim solo with Debussy at the Boulez hall, Jansons and Trifonov with the Berlin Philharmonic), recordings (Kissin and Karajan, Barenboim and Du Pré) as well as thoughts on all the news of classical music. Let’s have some fun with classical music together 🙂

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