Review // Bericht Mahler 8 Nezet-Seguin, Schade, Werba, Fujimura, Rotterdam Philharmonic

LIVE: Mahler 8. Rotterdam Philharmonisch Orchest, Yannick Nezet Seguin, Mihoko Fujimura, Michael Schade, Markus Werba, Michelle DeYoung, Orfeon Donostiarra, others. 23.3.2018

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–HERUNTERSCROLLEN FÜR DEUTSCH–

Mahler’s Eighth has certainly earned its place in the record books of classical music. There are over 500 people on stage, including nine (!) singers, three concert choirs, one children’s choir and a large orchestra. Those sheer numbers create an unparalleled musical force. You can find a longer post about the piece itself, including a fabulous recording, right here.

This piece is also a challenge for the conductor: The various dynamic variations, from one end of the scale to the other, have to be coordinated and controlled, while still keeping the feeling of the music. And because there are so many people on stage, a conductor has to literally conduct, physically communicating his vision of the music so everyone on stage gets his message.

Directly before this Mahler Eighth in Rotterdam, Yannick Nezet-Seguin conducted runs of Strauss’s Elektra and Wagner’s Parsifal at the Met. And the influence of these two pieces was evident in his interpretation last night. The first part featured the strong, futuristic atonal edges as well as the complicated musical structures that we know from Strauss’ one-act success. This music is deviously complicated, demanding a complicated musical structure like the double-fugue be transposed onto this monstrous sound apparatus. That is not an easy task for a conductor.

And like so many before him, Nezet-Seguin does not manage to completely solve these complications. In the first part, there is a lack of structure and transparency, Mahler is anything but easy-listening here. Especially in the passages where the soloists have to sing together as a group, their voices do not form a singular, well-sounding unit. That may also be because Sarah Connolly sadly had to cancel and was replaced by Michelle DeYoung. Instead, the pentecost choral Veni Creator Spiritus shines brightest in the choral numbers, where the stellar voices of Orfeon Donostiarra, Groot Omroep Koor, the Rotterdam Symphony Chorus and the Nationaal Kinderkoor can give their all. Still, there is that lack of clarity that prevents the audience from truly gaining access to this music.

At the beginning of the second part we hear the influence of Parsifal. The tempi are slow, the Poco Adagio is a clear and undisturbed sublime lake of sound. The dynamics are carefully layered throughout the orchestra, affording the brass some wonderful opportunities to shine. In the first two orchestral movements of part two, Nezet-Seguin forms a unified body of sound, that is then continually expanded in the arias of the individual singers. When Markus Werba beautifully sings Ewiger Wonnebrand, one is faintly reminded of Gurnemanz’s Karfreitagszauber. 

Michael Schade’s tenor voice is overly pressed tonight, his timbre is slightly restricted. But that may also be due to the incredible demands that Mahler makes of the singers. The whole ensemble including Christof Fischesser and Mihoko Fujimura delivers stellar performance in the individual arias of part two.

The choirs never let up either, at times even dominating the orchestra. Especially in Jene Rosen aus den Händen, the orchestra is buried by the sheer tonal force of 4 choirs at the top of their craft. The orchestral force is also reduced because Nezet-Seguin has asked for an unusually light string section for this piece (only 10 celli?)

Indeed, the strings are remarkably subdued throughout the evening, even in their pizzicato passages towards the finale. Nezet-Seguin is constructing a different orchestral sound here, where the woodwinds and brass sections dominate and role out a grand red carpet of sound for singers and choirs. While that makes for rousing climaxes, I find that transparency and clarity are still somewhat lacking, compared to what other greats such as Pierre Boulez achieved in this piece.

But the Finale is something from another planet. Listeners and musicians alike are rewarded with splendid E-Flat major chords all around. Nezet-Seguin’s intelligent handling of the organ (supporting, subdued) and the choirs’ stellar efforts combine to make this finale one of the greatest musical experiences you will ever have. Beginning in a triple pianissimo, Nezet-Seguin animates all involved and manages to solve the riddle of the Eight in these final minutes.

Standing ovations after the final notes, totally deserved. Even though this interpretation could have featured more transparency and maturity at some stages, a complete performance comes together at the end, when everyone on stage joins forces. The brass is flawless and all on stage brilliantly communicate Mahler’s musical vision: The indiscribable, here it becomes reality. 

Here is a brilliant recording of that very finale for you to enjoy:

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Check out the SHOT for Mahler 8 here

// DEUTSCH

Mahlers Achte hat ihren Platz in den Geschichtsbüchern ganz sicher verdient. Für kaum ein anders Stück braucht man so viele Resourcen, meist über 500 Musiker auf der Bühne. Darunter neun Gesangssolisten, drei Chöre, ein Kinderchor und ein groß besetztes Orchester. Über diese Symphonie habe ich auch schon eine kleine Einführung inklusive Aufnahme geschrieben, ihr findet sie hier.

Für den Dirigenten ist dieses Stück eine wahre Herausforderung: Die vielen dynamischen Auf- und Abschwünge gilt es zu koordinieren und kontrollieren, aber dennoch das Gefühl und die Emotion in der Musik beizubehalten. Ein Dirigent muss hier tatsächlich Dirigent sein, der den vielen verschiedenen Beteiligten die Musik physisch kommuniziert.

Yannick Nezet-Seguin hat unmittelbar vor diesen Aufführungen sowohl Strauss Elektra als auch Wagners Parsifal an der Met dirigiert. Und das hört man. Gerade im ersten Teil arbeitet er die atonalen Kanten der Musik heraus, die wir aus Strauss Einakter kennen. Aber diese Musik ist eben auch teuflisch kompliziert. Eine vertrackte musikalische Struktur wie die Doppelfuge muss für den Hörer verdaulich auf diesen riesigen Klangapparat übersetzt werden- Da hat Mahler dem Dirigenten wirklich keine leichte Aufgabe gegeben. Gerade hier im ersten Teil leidet dann auch die Struktur etwas, das Erhabene und die gleichsame atonale Fortschrittlichkeit dieser Musik wird den Beteiligten etwas zu viel. Hier wird auch deutlich, dass Mahler keinesfalls immer Easy-Listening ist. Gerade die Stellen, wo die Solisten sich als Einheit finden müssen, fallen leider ab. Das mag auch deshalb sein, weil die großartige Michelle DeYoung kurzfristig für die erkrankte Sarah Connolly einspringen musste. Die Pfingstchoräle sind eher bei den Chören stimmig, aber auch hier ist es für den Hörer schwer, einen Weg durch dieses Klangwirrwar zu finden. Klarheit hört sich anders an.

Zu Beginn des zweiten Teils kommt der Parsifal durch- Die Tempi sind langsam, das Poco Adagio gleitet erhaben dahin als sänge nicht der Pater Profundus, sondern Gurnemanz. Die Dynamik ist wohl disponiert, das Blech großartig abgeschwächt und die Rhythmik fließt. Hier formt Nezet-Seguin aus dem Orchester eine großartige Einheit, die dann Stück für Stück erweitert wird. Da wären als erste Erweiterung die Sänger, denen Mahler auch keineswegs leichte Aufgaben stellt. Über Michael Schades leicht gepresst wirkende Stimme kann man da gerne hinwegsehen, gerade wenn Markus Werba, Christof Fischesser und Mihoko Fujimura ihre Sachen so großartig machen. In den individuellen Arien des zweiten Teils können sie dann ihre ganze Klasse ausspielen und wahrhaftig alles geben, ohne aufeinander achten zu müssen. Das tut allen Solisten gut.

Auch die Chöre erleben einen großartigen Abend, werden in den dynamisch laut-rauschenden Chornummern manchmal fast zu dominant. Das Orchester kann die schiere Klangwucht der drei Chöre plus Kinderchor nicht immer unterstützen, gerade in Jene Rosen aus den Händen wird es leicht begraben. Das kommt auch davon, weil Nezet-Seguin für dieses Stück eine ungewöhnlich kleine Streicherbesetzung spielen lässt.

Der Orchesterklang wird vielleicht nicht ganz so unisono-einheitlich wie der in der Abbado-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern. Nezet-Seguin scheint eher Richtung Solti zu tendieren, auch weil er von großartigen, fehlerlosen Blechbläsern unterstützt wird. So kann ein Orchesterklang wachsen, in dem die Bläser dominieren und den Solisten einen fabelhaften Klangteppich ausrollen. Streicher fehlen aber. Selbst die Pizzicati in der Steigerung zum Finale hin sind merkwürdig unhörbar. Auch hier fehlen der Interpretation etwas Transparenz und Durchblick, wie sie etwa der großartige Pierre Boulez sicher zu Gehör gebracht hätte.

Im Finale belohnt Mahler Hörer und Interpreten dann für alle vorangegangenen Mühen. Es gibt wieder strahlendes Es-Dur, und eine von Nezet-Seguin intelligent ruhig behandelte Orgel und famose Chöre machen dieses Finale zu einem musikalischen Ereignis. Ganz im Piano beginnend, animiert Nezet-Seguin alle Beteiligten mehr und mehr, ehe sich das Rätsel der Achten plötzlich löst. Chor und Orchester kommen zusammen, grandiosem Schlagzeug und Blech unterstützt. Stehende Ovationen unmittelbar nach dem letzten Ton. Das ist gerechtfertigt, auch wenn die Interpretation etwas erwachsener in den schweren Stellen hätte sein können. Aber dieses Finale kommt aus dem Himmel. Mahler scheint uns zuzurufen: Alles doch nicht halb so wild, es endet doch schön! Über so ein Genie kann man sich nur wundern: Das Unbeschreibliche, hier wird’s zum Ereignis.

Hier ist eine Aufnahme dieses großartigen Finales:

 

4 thoughts on “Review // Bericht Mahler 8 Nezet-Seguin, Schade, Werba, Fujimura, Rotterdam Philharmonic

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