Perfekter Mozart! Eine lange Suche geht zu Ende // Good luck finding perfect Mozart. Just kidding. It’s right here.

RECORDS- Mozart Piano Concerto // Klavierkonzert KV 482 in E-Flat-Major. Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, Mitsuko Uchida.

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Der neueste RECORDS-Post ist da! Es geht um das Salzburger Wunderkind.

Mozart wird unter Hörern der klassischen Musik manchmal Unrecht getan. Allzu leicht sei diese Musik,nicht ergreifend, mit wenig ernsthaftem Anspruch. Habe ich schon oft gehört. Sie packe einen halt einfach nicht mit großen Emotionen. Sie wird gerne zu den Fledermäusen (Johann Strauss) und Lustigen Witwen (Franz Lehár) der Klassikwelt abgeschoben, also zur sogenannten „leichten Kost.“ Mozart mache sich gut als kleines Appetithäppchen vor etwa einer großen Brucknersinfonie. Sieht man auch oft, habe ich auch schon gehört. Es hat für mich nicht gut funktioniert.

Warum? Weil Mozart teuflisch schwer ist. Thielemann sagte einst: „Es ist wie bei einem Mozart-Konzert: Was schön und leicht aussieht, ist doch eigentlich das schwerste.“ Schön und schwer ist, was einfach erscheint. Was kann also schiefgehen? Über Mozart wird gerne allzu Lustlos hinweggefegt. Dirigenten und Solisten sagen sich, die Rhythmen, Melodien, die Noten des großen Genies auf dem Papier geben bestimmt von ganz alleine ein besonderes Konzerterlebnis her.

Denkste. Dass man mit der Mentalität, Mozart Mozart sein zu lassen und sich in den Proben auf Bruckner, Wagner oder Strauss zu konzentrieren mit Karracho scheitern kann, hab ich schon öfters erlebt. Das Klavierkonzert c-Moll KV. 491 mit dem Concertgebouw Orchester, Cristian Macelaru und Radu Lupu als Solist (!) wirkte wie der Vorsänger für Beyoncé bei einem Rockkonzert. Es war eher langweilig. Beim Klavierkonzert B-Dur KV. 595 ging es mir ähnlich, hier riskierten das Rotterdam Philharmonisch Orchest unter Yannick Nezet-Seguin mit Nicholas Angelich am Klavier einfach viel zu wenig. Mozart fiel in beiden Fällen leider spektakulär flach.

Und gerade bei Mozart muss man doch riskieren. Mozart fordert, man muss wagen, das Lebhafte Moment dieser Musik herausarbeiten. Ich habe eine Mozart-Aufnahme gefunden, die für mich alles riskiert und spektakulär gewinnt. Die möchte ich euch hier vorstellen.

Es gibt das Klavierkonzert Es-Dur KV. 482, eines der populärsten Mozartkonzerte überhaupt. Es ist mit Ohrwürmern und reizenden Akkorden und Melodien nur so gespickt. Also die Perfekte Vorlage für das oft-vorgeschobene Mozart-ist-zu-leicht-und-nicht-intellektuell-genug-Klischee.  Die Besetzung ist hochkarätig: Die Berliner Philharmoniker spielen, Sir Simon Rattle dirigiert und Mitsuko Uchida sitzt am Klavier.

Warum ist dieser erste Satz hier so fantastisch gespielt? Er tanzt, er fliegt, er lebt. Rattle lässt Mozart freilaufen. Natürlich beginnt das Orchester vielversprechend, schönere Es-Dur Akkorde wird man nirgendwo auf der Welt zu hören bekommen. Aber der vielversprechende Beginn wird eben nicht verspielt. Das ist mehreren Faktoren zu verdanken: Erstmal ist Rattles Dirigat heute Abend grandios flexibel. Zuerst fetzt Rattle dahin, im Hauptthema kann fast beim Hören mitwippen.

Dann lässt Rattle aber auch den zweiten Erfolgsfaktor zu: Die Bläserfraktion der Philharmoniker. In ihren exquisiten Soli-passagen, etwa im zweiten Thema des ersten Satzes, nimmt Rattle das Orchester und die Tempi blitzartig zurück, als hätte jemand plötzlich in einem Raum das Licht gedimmt. Emanuel Pahud (Flöte), Andreas Ottensamer (Klarinette) und Stefan Schweigert (Fagott) bekommen dafür also umso mehr Raum zum Glänzen. Sie nehmen Rattles lebhaften Ansatz auf und vergessen ihn nie in der Phrasierung ihrer Soli. Sie arbeiten sich zwangsläufig in den Vordergrund und glänzen durch schiere klangliche Perfektion, nehmen einem den Atem, durch das ganze Konzert hinweg. Dennoch hören sie ihren Kollegen immer zu, sind nie Solisten. Und sobald es wieder in glänzendes Es-Dur zurückgeht, lässt Rattle Tempi und Orchester wieder frei, auch durchaus kraftvoll agieren. Diese Balance habe ich noch nie so perfekt gehört, in allen drei Sätzen funktioniert sie großartig.

Den wohl heikelsten Balanceakt hat Mitsuko Uchida zu bewältigen. Über die späten Mozart-Klavierkonzerte sagte sie: „Ich nenne sie die Holzbläserkonzerte. Die Holzbläser nehmen hier so eine prominente Stellung ein, da bin ich doch am Klavier irgendwann nur noch Begleitung!“ Uchida weiß, dass sie hier subtil agieren muss, dass sie nicht im Mittelpunkt steht, sondern sich in ein großes Ganzes einfüge. Mozart ist hier wie ein Puzzle: Formt man sich als Solist falsch, zu groß und zu prominent etwa, funktioniert das ganze Prinzip nicht, kann man das Puzzle nicht zusammensetzen.

Obwohl sich Uchida also nie als Solistin aufführt, kann sie sich doch durch einen einzigartigen Anschlag als Solistin beweisen. Der ist sehr weich und fast tastend, nie klingt ihr Spiel hart. Er hat Verve, Charakter, Verspieltheit, man möchte fast sagen: Er hat Geschmack. Um zu verdeutlichen, was sie hier macht, wieder ein Zitat von ihr: „Jede Note in einem Mozartkonzert ist wie ein Kleinkind, dass genau das macht, was es selbst in diesem Moment machen will. Sonst nichts.“ Ernst spielt Uchida hier nicht. Man kann in ihrem Spiel tatsächlich etwas Kindliches entdecken, in der Flüchtigkeit des Anschlags, wie verspielt etwa die kurze Passage zu Beginn der Soloexposition im ersten Satz klingt! Und doch kann das Kindliche, Lebhafte von einem Moment auf den anderen wieder verschwinden, die Moll-Akkorde zu Beginn der Durchführung sind gar schon vorsichtig und zurückhaltend gespielt. Hier beweist Uchida als erfahrene Mozart-Interpretin einen ausgeprägten Sinn für das Einsetzen von Rubati.

Uchida wird aber auch nicht übermütig, verliert sich nicht im eigenen Spiel. Sie agiert mit höchster Konzentration für das Ganze. Das kammermusikalische Zusammenspiel zwischen Streichersolisten und Klavier im dritten Satz gelingt dank einer einzigartigen Variationsbereitschaft, diesem berühmten Aufeinander-Hören, schlichtweg umwerfend.

Auch in den Kadenzen beweist Uchida großartige Flexibilität. Obwohl ihr Anschlag Tiefgang und Geschmack hat, verliert er nie die Transparenz, besonders in der linken Hand. Die ist nie zu stark oder prankig, sondern fügt sich immer fantastisch mit den Bässen des Orchesters zu einer Einheit zusammen.

Mozart wird hier zum Ritt auf der Rasierklinge, so eine Interpretation kann schnell forciert und übermütig klingen, wie eine Karikatur Mozarts. Doch Rattle, Uchida und die Philharmoniker schaffen hier den Spagat durch eine unerhörte Flexibilität. Mozart ist endlich spannend, impulsiv. Mozart ist endlich Mozart.

Nun war es ein relativ langer Records-Post. Und es steckt doch nur ein knapp 30 Minuten kurzes Mozart-Klavierkonzert dahinter! Kann man denn überhaupt so viel darüberschreiben? Ich sage ja, man kann, man muss sogar! Mozarts Genie verdient die allermeisten Worte und Gedanken, will man ihn tatsächlich verstehen. Dieses Leichte, Lebhafte, ist das wahrhaftig schwerste. Das hat Mozart übrigens mit der Fledermaus und der Lustigen Witwe gemeinsam. Fragt jeden Dirigenten.

// ENGLISH

The newest RECORDS-Post is here! It’s about the Wunderkind from Salzburg.

Mozart is sometimes done injustice among listeners of classical music.
Many say, “his music is too light, missing gravitas, not serious enough, not emotional enough!” (Yeah, I also noticed that those last two contradict).
“Mozart’s music should be put in one corner with the “light” classical music, pieces like Fledermaus (by Johann Strauss) or the Merry Widow (by Franz Lehár).”
“Mozart works as a little appetiser before the big Bruckner symphony after the interval.
I have heard these criticisms a lot. And the thing with Mozart as an appetiser to Bruckner? Does not really work for me.

Mozart is much more difficult and complex than people make him out to be or give him credit for. Christian Thielemann once said: “It’s just like with a Mozart concerto: What looks easy and pleasant is actually fiendishly difficult.” So what can go wrong? A whole lot. Many conductors seem to believe that the exquisite Rhythms, melodies, the pure notes of this genius should be enough to make a great first half. Unfortunately, concentrating on the big pieces after the interval (be it Bruckner, Strauss or Wagner) and letting Mozart be Mozart has gone spectacularly wrong in my experience. The Piano Concerto in c-Minor K. 491 with the Concertgebouw Orchestra, Cristian Macelaru and Radu Lupu as soloist (!) sounded like the pre-singers to a Beyonce performance at a rock-concert. It was rather boring (see the review here). Same with the Piano Concerto in B-flat-Major K. 595 with the Rotterdam Philharmonisch Orchest, Yannick Nezet-Seguin conducting and Nicholas Angelich as the soloist (see the review here). In both cases, big-name-performers did not take enough risks for my taste.

Mozart’s musical style demands risk-taking, because it needs the invigorating power of engaged musicians to make it come to life. I have found one Mozart recording that, for me, takes all those risks and wins spectacularly.

We are hearing the Piano Concerto in E-flat-Major K. 482, one of the most popular Mozart piano concertos. It is ripe with singing melodies and jolly rhythms, basically a good head start for the usual Mozart-is-too-light-and-not-intellectual-cliché. We have top performers on stage: Sir Simon Rattle conducts the Berlin Philharmonic Orchestra; Mitsuko Uchida is the soloist.

The first movement starts out in fantastic fashion: It dances, it thrives, it lives. Rattle allows Mozart to run free. Finally. The orchestra starts out promising, of course. Will you hear any better E-Flat major chords, anywhere in the world? Probably not. But this brilliant beginning is not tossed away carelessly. Rattle’s conducting is key here. His Mozart shows great flexibility and variation. First, Rattle forges ahead, wielding an orchestral force that is strong and almost brash. The closing of the exposition is truly jolly.

But then, Rattle also allows the woodwind section of the Berlin Phil to capture the stage in their beautiful solo passages. In the second theme of the first movement, for example, Rattle quickly takes the orchestra and tempi down a couple of notches, as though someone had quickly dimmed the lights in a room. Now, the woodwind soloists, Emanuel Pahud (flute), Andreas Ottensamer (clarinette) and Stefan Schweigert (bassoon) have even more room to shine. They capture Rattle’s allegro-philosophy in the phrasing of their solo passages. Their playing is sheer perfection, throughout the whole concert. And yet, these brilliant soloists never behave like soloists. They always listen to their colleagues, and as we return to E-flat Major, Rattle lets tempi and orchestra off the leash again. I have seldom heard an orchestra and conductor hit this balance so perfectly.

However, the most delicate balancing act of the night falls to Mitsuko Uchida at the piano. Of the late Mozart concertos, she said: “I call them the woodwind concertos. At some point, I am just an accompanist!” She knows that she is not the center of the music, she has to play with subtlety. She needs to be ready to fit her playing into that coherent whole that Mozart demands the musicians create. The piece works like a puzzle here: If you, as a soloist, form yourself too prominently, then you are out of shape in comparison to the rest and the whole principle falls apart. You cannot put the puzzle together.
Uchida fits into the puzzle perfectly. She never becomes overconfident or carefree. She never loses herself in her own playing. Her concentration is solely focused on the grand Mozartian whole. This also means that she listens to the orchestra and that passages like the dialogue between string soloists and piano in the third movement become a gem of music.

Even though she never plays as though she is a soloist, Uchida knows how to make her presence felt, namely through her attack. It is light and almost cautious at times, never overly hard. It demonstrates transparency and character, you could almost call it taste. Another quote from Uchida illustrates how she plays here: “Every note from a Mozart piano concerto is like a little child, that will do exactly what it wants to do in this very moment. And nothing else.” Uchida’s playing is anything but stern. There is something childlike in how fleeting her playing becomes, for example in the beginning of the solo-exposition in the first movement. Then again, this childlike approach can quickly disappear, the minor chords in the beginning of the development are more reserved and less rambunctious. Uchida shows us that she is a veteran Mozartian here, through her expert handling of Rubato throughout the piece. She also shows her flexibility in the cadenzas, where especially her left hand can put in forceful accents, yet never loses transparency. It never comes out too far, but always cunningly acts with the bass section of the orchestra.

Mozart becomes a task of balance here, an interpretation such as this one can quickly overshoot its goal, becoming wild and lacking coordination, in effect a caricature of Mozart’s true musical self. But Rattle, Uchida and the Berlin Phil strike the balance masterfully. Mozart is exciting, impulsive and yet also withdrawn and intimate. Mozart is finally Mozart.

This is a comparatively long Records-post. And yet, all we are talking about is a 30-minute-short Mozart piano concerto. How can you write so much about such a supposedly “little” piece? My answer is that you have to, there is no other path to understanding Mozart than devoting more thought and words to him than to most other composers. This light, lively quality, inherent in most of Mozart’s music, is truly the most difficult to achieve. And by the way, Mozart has that in common with both the Fledermaus and the Merry Widow. Ask any conductor.

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