Ein Genie allein in der Musik oder: Der Teufel hat die Akustik gemacht // A genius in charge of the music and the devil in charge of the acoustics

LIVE REVIEW- Barenboim, Debussy, Boulez-Saal Berlin, 23.1.2018

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Zum 100. Todestag von Claude Debussy am 25.3. spielt die ganze Welt Debussys Musik. Allein bei der Deutschen Grammophon haben gleich zwei Top-Pianisten zum Jubiläum Debussy-Alben herausgebracht: Seong-Jin Cho und Daniel Barenboim. Barenboim spielt nun Teile dieses Albums in zwei Konzerten im Pierre-Boulez-Saal.

Es ist mein erstes Konzert in diesem einzigartigen Klangkörper, daher einige Worte dazu vorweg: Der Saal ist in ein älteres Gebäude gebaut, das ehemalige Kulissendepot der Staatsoper Berlin in nächster Nähe des Haupthauses. Er gehört zur Barenboim-Said Akademie, die musikalischen Unterricht für junge Musiker aus dem Nahen Osten anbietet.

Architekt Frank Gehry hat es geschafft, die ältere Anmutung des Gebäudes beizubehalten, besonders durch die in der Form unveränderten Fenster. Dennoch hat Berlin nun mindestens 2 Weltklasse Kammermusiksäle, der Boulez Saal ist ein akustisches Erlebnis und übertrumpft nach meinen Erfahrungen den Kammermusiksaal der Philharmonie und auch die Londoner Wigmore Hall. Akustiker Yasuhisa Toyota hat sich einmal mehr selbst übertroffen, als hätte der Teufel selbst die Akustik beaufsichtigt.

Gleich zu Beginn fällt auf: Dieser Saal ist im Geist der Demokratie und somit dem Politischen gebaut, was Barenboim in seiner Akademie so sehr am Herzen liegt. Das Publikum sitzt auf der Ebene Barenboims, mehrere Zuschauer können dem Maestro aus nächster Nähe auf die Finger schauen. Nächster Nähe heißt hier aus etwa einem Meter Entfernung, eine solche Nähe zum Puls der Musik ist einzigartig. Nirgendwo außer im Boulez Saal kann dermaßen hohe Kunst in solcher Nähe bewundert werden. Als Zuschauer ist man zwar immer noch nicht Teil der Musik, aber viel näher kommt man nicht heran, ein intimeres Konzerterlebnis geht wohl nicht, ohne selbst Künstler zu sein. Die Energie des Musikmachens habe ich fast nirgendwo so intensiv gefühlt wie hier.
Dennoch ist Barenboim ganz allein in der Musik, ganz allein Künstler.

Ein anderer schöner Aspekt des Konzerts (der wieder auf den Leitfaden Demokratie verweist), ist, dass Barenboims Flügel in der Pause um 180 Grad gedreht wird, sodass auch Zuschauer auf der anderen Seite des Saals einen guten Blick auf den Maestro und dessen Finger bekommen.

Wenn man im Oberrang sitzt, muss man allerdings relativ schräg nach unten schauen, die 20 EUR teureren Tickets für den unteren Bereich lohnen sich.

Barenboim betritt ehrwürdig die Bühne, der Saal ist bis auf wenige Plätze ausverkauft. Der Steinway wird heute ohne Deckel bespielt. Die Musik von Debussy hat eine atmosphärische Qualität, die für diesen Saal wie geschaffen scheint. In der ersten Konzerthälfte gibt es das erste Buch der Preludes. Ich habe den Eindruck, dass der Saal genau das, was der Künstler spielt, verstärkt. Der Boulez Saal ist wie ein Mikroskop, noch nie habe ich so einen transparenten Klang wahrgenommen, der gleichzeitig auch von allen Seiten kommt. Das wird gerade hörbar in den dynamischen Variationen, die Barenboim in den ersten Preludes zum Besten gibt. Alle Details, die Barenboims Anschlag offenlegt, sind umso deutlicher sichtbar. Der Anschlag ist nicht zu weich und nicht zu hart. Barenboim spielt Debussys Klavierwerke mit dem nötigen Sinn für das mystische, für die reduzierte Fasslichkeit dieser Musik, für den verschwommenen Klang des Impressionismus. Barenboim spielt die Musik aber auch nicht zu konservativ, traut sich etwas. Man hört Triller, die etwas länger dauern als womöglich in der Partitur steht, plötzliche Tempoverschleppungen, wohlplatzierte Rubati. Nie sind diese kleinen virtuosen Sperenzchen aber zu viel. Die Musik bleibt immer im Mittelpunkt.

Vor allem beeindruckt mich Barenboims rechte Hand. Wenn die linke in den frühen Preludes, etwa in Les Collines d’Anacapri. Très modéré (V.), in der tiefen Lage im piano arbeitet, kommt Barenboims Rechte plötzlich hinzu mit einem Ton in der hohen Lage. Aus der Tiefe der Linken arbeitet Barenboim mit der Rechten pures Licht heraus. Die Töne sind präzise geformt, durch den Mikroskopeffekt des Saals fahren die hohen Töne der rechten Hand regelrecht in die Glieder. Die Preludes V. bis VIII. sind für mich am besten gelungen. Hier sitzt das Publikum auf der Stuhlkante.

Nach der Pause geht Barenboim jüngeren Debussy an und kann hier zeigen, dass er trotz seines Alters kein Bisschen Virtuosität verloren hat. Gerade im dritten Satz der Estampes (III. Jardins sous la pluie) kann man das bewundern. Die Läufe sitzen ohne Makel.

Bis jetzt haben wir also einen grandiosen Saal, Debussys Musik und ein hingebungsvoll virtuos spielendes Genie. Fehlt nur noch etwas Spaß. Den findet Barenboim in den Deux Arabesques und L’Isle joyeuse, die das Programm beschließen. Er spielt mit dem Publikum, spielt Steigerungen als wären sie Finals, reißt seinen Arm hoch und guckt dann belustigt, als das Publikum anfängt zu klatschen, und er doch weiterspielen muss. Warmer Applaus nach dem letzten Stück.

Zwei abschließende Zugaben, inklusive herrlicher Clair du Lune. Die Tempi der Clair Du Lune sind vielleicht etwas schneller gewählt als bei Seong-Jin Cho, aber dennoch serviert Barenboim die ganze Emotionalität dieser Musik auf dem Silbertablett. Und wieder hat er Spaß mit dem Publikum: Vor der Clair du Lune setzt sich das Publikum gerade hin, freut sich, dass es noch eine Zugabe gibt. Sagt Barenboim: „Was machen Sie? Bleiben sie doch stehen!“

Eines wird klar an diesem Abend: Die Berliner haben Barenboim als einen der ihren ins Herz geschlossen. Kein Wunder, bei dem was er der Stadt schon alles geschenkt hat. Eine musikalisch auf hohem Niveau agierende Staatsoper (ich freue mich schon sehr auf meinen Tcherniakov-Parsifal im April) und nun diesen unglaublichen Kammermusiksaal. Außerdem ist er geblieben. Die Scala hat er lange parallel geleitet, sein Divan Orchester ist auch international erfolgreich. Vielleicht hat ihn auch das Geld des Bundes und sein Draht zu Angela Merkel in Berlin gehalten, ohne dass die neue alte Staatsoper und dieser Saal sicher nicht existieren würden.

Wie dem auch sei, stehende Ovationen für den Maestro nach dem Konzert, viel Dankbarkeit ist dabei. Auf diesen Saal kann sich Berlin ruhig etwas einbilden. Und auf diesen Maestro auch.

// ENGLISH

The music world will celebrate the 100th birthday of Claude Debussy on the 25th of March 2018. Naturally, everyone is playing his music. So is Daniel Barenboim, which is always good news. Along with Seong-Jin Cho, he is the second top DG pianist to bring out a Debussy solo album. Now he played his Debussy program in a concert at Berlin’s famed Pierre-Boulez Chamber Music hall.

Since it is my first time in this hall, I feel a few words on it are necessary. The hall is housed in the former set depot of the Berlin State Opera, just a few blocks away from the main house. It is the main performing venue of the Barenboim-Said Academy, that was founded when the hall opened and offers musical tuition to young musicians from the middle east.

Architekt Frank Gehry has gone all out on the modern, democratic vibe, but still manages to pay homage to the old building that houses the hall. Especially the old shapes of the windows were kept and build a convincing bridge between modernity and traditionalism. The verdict is clear: Berlin now has at least 2 world-class chamber music halls. The Boulez hall is an acoustic marvel and, in my experience, stands above the chamber music hall of the Philharmonie in Berlin and the Wigmore Hall in London. Yasuhisa Toyota was in charge of the acoustics and has outdone himself once again. The hall sounds like the devil himself was in charge.

When choosing your seat, I would recommend sitting in the bottom section of the hall, that is almost level with the stage. The 20 EUR extra for the tickets in the bottem stalls are well worth it. Up in the first tier you have to look down at quite an uncomfortable angle.

One thing is evident right from the beginning and continues throughout the evening: The hall is built with the spirit of democracy in mind at every corner. This was one of the main purposes of Barenboim’s academy. Most of the public is sitting almost or exactly at Barenboim’s level. Some lucky spectators have a perfect view of Maestro Barenoboim’s fingers on the keyboard, sitting less than a meter away. You simply cannot sit that close to the artist in any other hall I know.

Music does not only create wonderful sound, but from the artist also comes a sensitivity, an energy, during a performance. Feeling that energy is more difficult with some pieces than with others (during a Bruckner symphony it’s pretty easy in my experience). The Boulez hall manages, through the small distance between public and artist, to transport that raw energy of music making with a purity and strength that you are unlikely to experience anywhere else in the world. And that is the true gift of this hall to the city, that is why we Berliners need to thank Barenboim: He has given us something truly unique. The Boulez Hall may not become synonymous with the city, like the Elbphilharmonie has become for Hamburg. But it is a musical experience unlike any other.

Another nice democratic touch is that Barenboim’s piano is turned 180 degrees around after the interval, so that the other half of the audience can look at Barenboim’s fingers doing their magic on the keyboard as well.

As a spectator, you cannot come much closer to the music, without becoming an artist yourself. Nonetheless, Barenboim alone is the artist here tonight, sitting alone on stage, surrounded by a stricken group of spectators. That sets the scene.

The music of Debussy has an atmospheric quality, that perfectly complements the hall and its acoustics. In the first half of the night, we hear the first book of the Preludes. The open piano lid may reinforce this impression, but I feel that the hall magnifies all sound that the artist is producing, it works like a microscope. The sound is incredibly transparent, the hall supports every single detail, particularly in the extreme (but fitting) dynamic variations that Barenboim inserts into the music. His attack is not too soft and not too hard, conveying a sense for the mystical aspects of Debussy, for the low comprehensibility and clarity of impressionist music. Barenboim steers clear of any excessive conservatism in his interpretation. Several trills that go a little longer than the score denotes, rubati that are never too excessive. Tonight, Barenboim is at no point a show-off virtuoso. The music always takes centre stage.

Barenboim’s right hand is especially impressive. When the left is working the low positions of the piano in the early preludes, for example in Les Collines d’Anacapri. Très modèrè (V.), the right suddenly enters with a higher note that Barenboim plays with such assertiveness and strength. From the formidable low strength of the dark left, Barenboim works pure bright magic with the right hand, without ever overstretching the bow. The notes are formed with precision, and combined with the magnifying effect of the hall the high notes in the right hand have a deep impact on the listener, the audience is on the edge of their seats. For me, the middle preludes combine all of these attributes best, from V. to VIII.

After the interval, Barenboim takes on some younger Debussy and shows that, despite his age, he has not lost a single bit of virtuosity. The third movement of Estampes (III. Jardins sous la pluie) becomes a gala performance with every run executed perfectly.

So up to now, we have a revolutionary hall, Debussys music and a virtuoso still going strong with passion. The only thing missing now is fun and laughter, and Barenboim finds this in the final two pieces: Deux Arabesques and L’Isle joyeuse. He has fun with the audience, plays a crescendo as though it were a climax and then looks surprised when the public sighs and moves to clap while he is still playing. He receives warm applause at the end of the program.

Barenboim serves two wonderful encores, including a fabulous Clair du Lune. The tempi of the Clair du Lune are a little quicker than in Seong-Jin Cho’s interpretation, but Barenboim nonetheless manages to transport all the emotional force of the music. And still have fun with the public. As he moves to the piano to start the Clair du Lune, the audience takes their seats and quietens down. Barenboim mocks surprise and says “Why are you sitting down? Just keep standing!”

One think is clear and deserves to be mentioned at the end: The Berliners have accepted Barenboim as one of their own. Deservedly so, after the things that he has given to the city: A State Opera operating at a very high level (I am looking forward to my Tcherniakov-directed Parsifal in April) and now this incredible new chamber music hall. Also, while this may sound trivial, Barenboim stayed. He may have had the directorship of La Scala long years while he was in Berlin as well, his Divan Orchestra has celebrated international success in the past years. Nonetheless, he stayed. Maybe it was also the money of the German government and specifically his close relationship with Chancellor Angela Merkel, that held him in Berlin. Beyond any doubt, we would not have the Boulez Hall or the new old State Opera were it not for either of those.

Either way, the standing ovations for the maestro at the end of the concert speak for themselves. Berliners can be proud of this new hall, and also of the great maestro that gave it its birthright.

 

5 thoughts on “Ein Genie allein in der Musik oder: Der Teufel hat die Akustik gemacht // A genius in charge of the music and the devil in charge of the acoustics

  1. What about the « Martyre de Saint Sébastien »? It was a great concert too…
    ( and «  Clair de Lune » not Claire…)
    Otherwise, I enjoy your both rewiews, many thanks!
    Dagmar Clottu (from Switzerland)

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    1. Thank you so much for commenting 🙂 I always love hearing from the readers.
      I will immediately correct “Clair” instead of “Claire”, thanks so much for pointing that out! Unfortunately, I did not attend the concert with the “Martyre de Saint Sébastien,”
      but the review for the Parsifal under Barenboim is online now 😉
      I hope to hear from you again, have fun reading!

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