Trifonov, Hysterie und Roger Federer // Trifonov, Hysteria and Roger Federer

LIVE REVIEW- Schumann Klavierkonzert, Bruckner 6, Berliner Philharmoniker, Daniil Trifonov, Mariss Jansons, 25.1.2018

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Meine Erwartungen waren hoch. Ich hatte den russischen Pianisten Daniil Trifonov bereits letztes Jahr bei seinem philharmonischen Debut mit Rachmaninoffs Drittem Klavierkonzert erlebt und war schwer beeindruckt aus dem Konzert gegangen. Die schiere Virtuosität, das pure Genie dieses Jungen Mannes floss aus dem Klavier über die Bühne wie Wasser über die Niagara Fälle oder der Feuerring über den Berg im dritten Akt der Walküre.

Nun kommt Trifonov also knapp ein Jahr später wieder zu den Philharmonikern, diesmal mit Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 im Gepäck. Für mich ist es auch ein besonderer Abend, da ich erstmals Mariss Jansons im Konzert live erlebe. Diese Premiere hätte eigentlich schon vor Jahren sein sollen, aber Jansons musste seine Dirigate der Dritten von Mahler leider absagen, stattdessen hörte ich dann Gustavo Dudamel. Auch nicht schlecht.

Trifonov tritt auf, der alte Jansons, vor kurzem 75 geworden und frischgebackenes philharmonisches Ehrenmitglied, lächelt kurz zum Flügel und dann geht es los.

Im ersten Satz fügt sich Trifonov mit Bedacht in den Orchesterklang ein. Bloß nicht zu viel auffallen, scheint sein Kredo zu sein, gerade die rechte Hand ist auffällig unauffällig.

Trifonov arbeitet viel mit dem Gewicht seiner Schulter, trainiert im Schwimmbad Gewichtsverlagerung, damit er sogar sein Körpergewicht und seine Stärke in den Schultern nutzen kann um den Anschlag zu beeinflussen. Hier kann er dadurch eine unglaubliche Flexibilität entwickeln, muss sich nicht auf eine bestimmte Linie festlegen. Er kann von beinharter, gleißender Höhe in der rechten bis zur samtenen Tiefe in der Linken alles. So wie Roger Federer jeden Tennisschlag kann, mit verschiedenen Slice-, Tempo- und Richtungsvariationen, kann Trifonov im Klavieranschlag variieren.

Und im ersten Satz hält er sich zurück. Nur in der Kadenz merkt man, dass man hier den Trifonov hört, hochvirtuose tremolli und rubati inklusive. Letztere klingen wie von Schumann komponiert und werden doch so virtuos gespielt, dass man nur staunen kann, wie dieser Mann diese Musik versteht.

Der zweite Satz ist ebenfalls noch vergleichsweise unauffällig, Trifonov scheint das Konzert als Steigerung zu begreifen. Rubati und dynamische Variation bringen den Klavierklang etwas nach vorne, sind aber immer noch nicht sonderlich auffällig. Hier haben auch wieder die Orchestersolisten Glanzmomente, besonders Albrecht Mayer an der Oboe gibt große Musik.

Nun der dritte Satz, der interessanteste von allen. Christian Thielemann sagte einst: „Der wahre Erfinder der Hysterie ist der Schumann gewesen.“ Trifonov scheint sich das zu Herzen genommen zu haben. Er legt in diesem Satz mit einer wahnwitzigen Virtuosität und Freiheit in den Tempi los, dass die Steigerung zum Ende des zweiten und Beginn des dritten Satzes gar nicht richtig ausgearbeitet wird. Trifonov lebt mit Schumann am Klavier, sucht nie eine einzige Linie für den ganzen Satz, sein einziges Ziel ist Virtuosität. Das Konzert, von dem der Komponist selbst einst sagte, seine Frau müsse sich hier „als Virtuosin vergessen,“ spielt Trifonov mit dem Klang und der Freiheit der virtuosen Schaukonzerte von Prokofieff. Da sitzt man auf der Stuhlkante, lauscht gebannt: Wohin rauschen die Finger Trifonovs als nächstes, welcher nächste Lauf wird durch ein petites Rubato zu einem Ereignis gemacht?

Freilich bleibt eines bei dieser Interpretation auf der Strecke: Das Konzert als Ganzes. Jansons und die Philharmoniker können diesem wahnwitzigen Genie am Klavier nicht folgen, Dirigent und Solist im letzten Satz öfters gut und gerne einen halben Takt auseinander. Jansons und Trifonov scheint das beide nicht zu stören.

Trifonov gibt in der Pause eine Autogrammstunde, ich konnte eine Unterschrift in meinem Programm ergattern.

 

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Bleibt also als Fazit: In den ersten beiden Sätzen hören wir feinsten Orchesterklang mit herrlichem Klavier untermalt, seliges Zusammenspiel. Der dritte Satz ist dann ein virtuoser Triumphzug, bei dem der Pianist brilliert und Jansons, die Philharmoniker und (böse Zungen sagen) Schumann selbst auf der Strecke bleiben.

Bruckner 6 folgt nach der Pause. Nach der Virtuosität Trifonovs, die so deutlich im Hier und Jetzt lebt, den Moment braucht, folgt nun eine Lehrstunde in Weitsicht. Mariss Jansons hat noch nie mit den Philharmonikern Bruckner gemacht. Und doch klingt es so, als wären die ganzen Konzerte mit Werken Schostakowitschs und Dvoraks, die Jansons so mit den Philharmonikern gespielt hat, alle nicht gewesen. Als wäre Bruckner das einzige gewesen, was Jansons und die Philharmoniker je gemacht hätten.

Gerade Jansons, der zumindest mir nicht als aktivster Bruckner-Dirigent bekannt ist, beeindruckt. Zuerst einmal dadurch, dass er für sein Bruckner-Debut bei den Philharmonikern die selten gespielte Sechste wählt. Und dann durch sein großartiges Auge für die großen Spannungsbögen in Bruckners Musik, hier ist er ein Schüler Karajans. Nie verliert er den Blick fürs Ganze, selbst im Trio des dritten Satzes, wo die Hörner aufmüpfig rufen und den Fluss der Musik unterbrechen, gibt Jansons das Heft des Handelns nicht aus der Hand.

Immerfort fließt die Musik, auch der Spuk im dritten Satz, wo es ja eigentlich gar keine Melodielinie gibt und nur einzelne Einwürfe von verscheidenen Themenfetzen aus bestimmten Instrumentengruppen. Jansons bewältigt diese Aufgabe mit dem gleichen Sinn für die Größe der Partitur, mit der er auch den ewigen Drei-Themen-Konflikt des ersten Satzes zu einer großartigen Coda auflöst. Beide Ecksätze enden in strahlendem A-Dur, das F-Dur des Adagio mit großer Gesanglichkeit in der Phrasierung. Jansons zeigt immer Zurückhaltung und Weitsicht, fast hört man Günther Wands berühmte Wort zu Bruckner im Hinterkopf: „Interpretieren Sie nicht!“
Jansons wird nächstes Jahr wiederkommen, in der Saison ohne Chefdirigent.

Als Philharmoniker würde ich ihn sofort wieder für Bruckner einladen, mit Sicherheit wieder ein Fest.

// ENGLISH

My expectations were high. I had heard Daniil Trifonov back when he gave his Berliner Philharmoniker debut last year, with a sensational performance of Rachmaninov’s Piano Concerto No. 3. He had displayed an incredible virtuosity and the sheer genius of this young man at the piano, including his effortless mastery of any and all technicalities, left me deeply impressed. His charisma flowed over the stage in waves like the water over the Niagara Falls and fire around the mountain in the third act of the Walküre.

Now Trifonov is back, about one year after his philharmonic debut, with Schumanns Piano Concerto in a-minor op. 54. For me this is a special evening not just because of Trifonov, but it is also the first time that I am actually hearing Mariss Jansons live. This first time should have taken place years ago, but unfortunately Jansons was sick and could not make it to his concerts of Mahler’s Symphony No. 3 with the Berlin Philharmonic. Gustavo Dudamel took over instead. That was fine as well.

Trifonov enters, Jansons follows. He turned 75 a few weeks ago and also received the honorary membership of the orchestra. After a short look to the concert grand, we are off. In the first movement Trifonov integrates into the orchestral sound, makes next to no effort to rise above the orchestra. Especially the right hand is extremely subdued. The only standout moment for piano playing in the first movement is the cadenza. Here, Trifonov has no other choice but to shine with his incredible virtuoso skill that will dominate the third movement.

We hear from Trifonov that he engages with the weight of his shoulders, even practices playing the piano in a swimming pool, to better control and use his body weight to influence his attack, his touch of the piano keys. Throughout the whole concerto, Trifonov demonstrates great flexibility in his attack, possibly his most remarkable trait. He can easily switch from a blinding, hard sound in high notes to a murky, soft sound in the lower positions on the keyboard. It’s comparable to Roger Federer’s impeccable command of all tennis strokes. Varrying his strokes in direction, slice, tempo and other parameters, Federer brings the tremendous advantage of variation to every tennis match that Trifonov brings to every piano concerto.

The second movement is similar, though not quite as subdued as the first on Trifonov’s part. In his reading, the concerto is one grand, gradual crescendo, building to the finale. Here, Trifonov works with rubati and abrupt dynamic variations to advance the presence of his piano, but still clearly ceding to the Orchestra. That is not a bad idea either. Albrecht Mayer (principal oboe) has an incredible night.

Now for the third movement, the most interesting of all. No more subdued piano-playing to be found. Christian Thielemann once said: “The true inventor of hysteria was actually Robert Schumann.” Trifonov has taken this to heart and gives his absolute all in the following 10 minutes of music. His virtuosity has (by my ear) even improved from last year. He devotes so much attention to his technique that the slow-building crescendo at the end of the second and beginning of the third movement is almost overlooked. Trifonov is hunched over the keyboard and lives the music, seeks nothing but to display the virtuosity that no one knew was hidden in this concerto. The composer once famously said to his wife Clara: “Forget that you are a virtuoso here.” Trifonov’s drive for virtuoso command of the stage turns the introverted, subdued Schumann concerto (see  the recording by Zimerman for example) into something that sounds rather akin to one of Prokofiev’s showpieces. The audience members are on the edge of their seats, to see where Trifonov fires off his next spark of brilliance, the trill that becomes an entire event because of a single perfectly placed rubato, the run that is celebrated through an unorthodox tempo or a dynamic choice that no one has ever made before.

Naturally, some things are lost along the way with a gala interpretation like this. The concerto as a whole, the orchestra and Maestro Jansons say goodbye somewhere in the third movement. The stage belongs entirely to Trifonov, orchestra and conductor are sometimes up to half a bar behind the pianist, can’t catch up. Neither Trifonov, nor Jansons or the Berlin Phil players seem particularly bothered by this.

It is nice that Trifonov gave an autograph session in the interval. I got a signature in my program.

To sum it up: The first 2 movements feature an integrated and subdued piano, that is dominated by a world-class orchestra with incredible soloists and the most seasoned conductor of romantic repertoire living today. In the third, Trifonov makes Schumann sound virtuoso and clear, turns the music into his own triumph on stage. That, some would say, is not Schumann.

After the interval follows Bruckner’s Symphony No. 6 in A-Major. In the Schumann, Trifonov’s virtuosity needed that standout moment to light its spark of genius. Bruckner builds a great contrast to this. While the brilliance also centres on one man here, it is celebrated not through one moment, but through the sheer vision and far-sightedness of Mariss Jansons’ view of Bruckner.

Tonight is the first time that Mariss Jansons has ever played Bruckner with the Berlin Phil since giving his debut in 1971. That is hardly noticeable. Listening tonight one gets the impression that instead of playing Shostakovich, Dvorak and all the other things over the years, Jansons and the Berlin Phil have only being playing Bruckner, forever. At the very least, I did not have Jansons on my radar as a seasoned Bruckner conductor before tonight’s concert. Now I do. This impression starts with the gutsy choice of symphony that Jansons has made for his philharmonic Bruckner-debut. Not the popular Symphonies No. 4,7,8 or 9. Jansons chose the rarely played Sixth.

The standout factor in Jansons’ interpretation to me is his feeling for longevity, the long span of the music. This becomes really evident in how he Bruckner’s 3 themes in the first and last movements. In both movements, three themes are completely interwoven and have to be resolved to one triumphant A-Major coda. Jansons is truly Karajan’s student here, never losing sight of the overall workings of the symphony, even in the trio of the third movement. The horns make their presence felt here, loudly interrupting the musical flow. And, yet Jansons never loses control or gets carried away.

The overall arc of suspense stands above everything else. Jansons manages to stay true to this maxim even in the scherzo, where there is no real melodic line to follow. Several instrument groups simply throw in small music snippets or ideas, brilliantly executed by the Berlin Phil. The adagio flows in F-Major with the melodies exquisitely sung by the orchestra’s soloists, the final movement gives a gratifying A-Major conclusion.

Jansons will be back next season for sure, it is the season without a chief conductor. We would have him back with whatever he wants, but if its Bruckner, I would be that bit more excited.

 

 

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