Hurrah! Inzest! // Hurray! Incest!

LIVE REVIEW- Richard Strauss’ Salome, Royal Opera House Covent Garden, Orchestra of the Royal Opera.
Michael Volle (Jokanaan), Malin Byström (Salome), David McVicar (Stage Director), Henrik Nanasi (Conductor), 21.1.2018.

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Richard Strauss’ Salome, skandalträchtiges Inzest- und Vergewaltigungstheater unter der Regie von David McVicar im Royal Opera House. Henrik Nanasi dirigiert Strauss’ vor Erotik und Lust nur so glühende Partitur, die in Wien über 10, in England über 2 Jahre nach den jeweiligen Erstaufführungen verboten war. Große Komponisten von Mahler bis Puccini unterstützten das Werk.

Was machen wir aus diesem Lustspieltheater? Obwohl David McVicars Produktion das Grauen und die Rohe Erotik gut darstellt, passiert doch nicht viel auf der Bühne. Viel mehr als Rampensingen ist nicht. Von der großartigen Personenführung etwa eines Willy Decker, der den Wiener Staatsopernchor 2005 wie eine Welle Anna Netrebko umschwappen ließ, bringt McVicar nicht allzu viel mit. Jokanaan macht mal ab und zu eine Rolle über den Boden, als er hin-und-her geschleudert wird, Salome läuft ahnungslos hin und her und fleht und bittet. Als Salome Jokanaans toten Kopf bearbeitet, sitzen Herod und Herodias nur auf zwei Campingstühlen dahinter und schauen dem Schauspiel erbost zu.

Wenn die Personenführung zu wünschen übriglässt, muss anderswo die Spannung herkommen. Zuerst mal kommt sie von Es Devlins kreativ gebautem und gestaltetem Bühnenbild. Oben tobt die Party, unten im Keller wird gefoltert, alles auf der Bühne. Eine Wendeltreppe rechts verbindet die beiden, weiß erleuchtet erinnert sie an den Mond, der in Salome keine unwichtige Rolle spielt. Aus dieser tollen Voraussetzung hätte man etwas mehr machen können.

Und es gibt auch einen Moment, wo McVicar wahrhaftig etwas daraus macht, im wahrsten Sinne des Wortes Bewegung in die Sache bringt. Der berühmte Tanz der Sieben Schleier wird zum Regietechnischen Höhepunkt der Oper. Mehrere Wände rauschen dunkel über die Bühne von links nach rechts, ständige Veränderung, ein Schleier pro Raum wird also durchlaufen oder abgelegt. Hier schafft es die Regie endlich, zur Musik aufzuschließen. Der Sturm durch die verschiedenen Schleier, in dem Salome immer wieder von Herod zu fliehen versucht ist endlich eine angemessene Übertragung der Rauschhaften Musik auf die Bühne. Am Ende fügt McVicar noch ein pikantes Detail hinzu, nämlich dass Salome von Herod vergewaltigt wird.

In Summe ist die Regie also durchwachsen. 90 Minuten langweiliges Rampensingen, 10 Minuten pure Spannung. Dank dem Bühnenbild ist das ganze nett anzusehen. So wie das Bühnenbild konstruiert ist, und wie der Tanz der Sieben Schleier inszeniert wurde, könnte man glatt meinen, McVicar hätte sich hier von Videospielen inspirieren lassen.

Die Sänger. Malin Byström singt eine höchstcouragierte Salome, kommt Strauss berühmtem Stimmideal (Salome soll wie eine 16-Jährige Prinzessin aussehen und die Stimme einer Isolde haben) recht nahe, obwohl sie sich noch nicht gleich ins Wagnerfach schleudern sollte. Ihre Stimme hat in der Höhe Glanzpunkte: klarer, blendend heller Klang schallt einem die meiste Zeit entgegen. Salome ist hier kein schüchternes Mädchen mit mächtiger Stimme, obwohl Byström im ersten Moment so anmutet. Salome weiß genau, was sie will, wie sie andere manipulieren muss um es zu bekommen. Man nimmt ihr ab, dass sie eine junge Dame ist, die wahrscheinlich nicht nur Narraboth und Herod an der Angel hat, sondern auch den ganzen Hofstaat.

Ihr Ich verlange den Kopf des Jokanaan halt mit großer Autorität durchs weite Runde, bei ihrem abschließenden Und das Geheimnis der Liebe ist grösser als das Geheimnis des Todes geht ein Seufzer durch das Publikum. Strauss spricht hier eine wichtige Botschaft aus: Warum beschäftigen wir uns so sehr und oft mit dem Tod? Ist die Liebe nicht das viel größere Geheimnis, das größere Rätsel?

John Daszak und Michaela Schuster sind ein reizendes Paar als Herod und Herodias. Das Libretto schafft es, einen Schuss der Komik aus Oscar Wildes Ursprungsstück zu übertragen. Lacher gehen durchs Publikum, Daszak und Schuster spielen das wunderbar und singen ebenfalls rein und mit voller Stimme, die ganzen knapp 2 Stunden. Ihr Kampf um die Gunst der Tochter rund um den Tanz der Sieben Schleier ist einer der Höhepunkte des Abends.

Der beste Sänger des Abends ist allerdings Michael Volle als Jokanaan. Sein Bariton ist jederzeit mit voller Klangstärke da, auch wenn er in der Salome nicht allzu viel zu tun hat. Er hat eine großartige Bühnenpräsenz, in Stimme und Schauspiel. Ich freue mich schon, ihn im Sommer als Hans Sachs in der Bayreuther Wiederaufnahme von Barry Koskys Meistersinger zu hören. Dieser Jokanaan war auf jeden Fall schon mal ein großartiger Vorgeschmack.

Zum Schluss noch die Musik selbst. Henrik Nanasi dirigiert das Orchestra of the Royal Opera House mit großem Sinn für die Rohheit in Strauss Partitur, ähnlich wie die Produktion auf der Bühne. Im Blech schmettert es, aber nie ohne diese besondere weiche Qualität eines Opernorchesters verlieren. Obwohl mir das Orchester zu Beginn manchmal etwas verhalten agiert, kommt gerade zum Schluss eine großartige Strauss-Musik dabei raus. Im Tanz der Sieben Schleier gibt das Orchester großartige Unterstützung zur besten Regieleistung des Abends, gerade die Oboen und Flöten überzeugen mit flirrender Arbeit und hohen Einwürfen. Zum orchestralen Highlight werden für mich die Kontrabässe, mit ihren hohen Einwürfen als der Henker in die Gruft hinabsteigt.

Keine Buhs an diesem Abend. Die Briten sind höflich.

// ENGLISH

At the Royal Opera House for Salome. Scandalous, incestuous material, directed by David McVicar and conducted by Henrik Nanasi. Strauss’ opera was so full of eroticism, nudity and lust that it was banned in Vienna for over 10 years and in England for 2 years after their respective premiers in 1905. The work was supported against the censors by great composers such as Mahler and Puccini.

David McVicar’s production premiered in 2008 and manages to transport the raw eroticism and public cruelties rather well, even though not much happens on stage. The singers largely stand or walk slowly while singing. Not much more. I gleefully remember Willy Decker’s Traviata in Salzburg, where the Vienna State Opera choir swamped around Anna Netrebko like a deadly, lethal wave in the opening scene. Not much of that here, Jokanaan does a roly-poly once in a while when the prison personal handle him roughly, Salome seems to simply walk around the stage without much direction to her movements, especially in her opening scene. When she devours Jokanaan’s head at the end, Herodes and Herodias simply sit on two camping chairs a few metres behind and watch with grim faces.

So while the movement of the people on stage is not exactly revolutionary, the stage design is all the more impressive. Ed Devlins has designed a stage where the party raves upstairs and (taking up the large amount of stage) prisoners are tortured in the prison downstairs. A spiral staircase connects the two floors, creatively lit in white light to resemble a moon, the romantic moon being an important image in the opera. This set has much potential, but the overall direction cannot quite bring it all together.

Except in one moment, where McVicar takes the reigns as director and brilliantly executes a creative idea: During the most famous passage of the opera, the Dance of the Seven Veils he reaches the highpoint in his direction. Various mobile walls rush across the stage from left to right, each creating a space between them. Now there is constant change and movement in the scenery, creating a unique space for Salome and Herodes to use. The nebulously erotic nature of the music is brilliantly transposed onto the stage, where Salome and Herodes rush from room to room, giving Salome the opportunity to lose the veil in each room and to show how Herodes torments her in the process. At the end, McVicar does a director’s usual bit of Libretto-extension, when Salome appears to be molested by Herodes.

The direction has highs and lows, 90 minutes of few movements on stage, 10 minutes of electrifying storytelling and eroticism. It almost seems to me that the Dance of the Seven Veils was inspired by movements of characters and scenery in videogames. But I guess we have not quite gotten to the point where that genre forms an inspiration for opera.

Malin Bystöm sings a courageous Salome. Strauss once famously said that the ideal Salome would have the body and looks of a 16-year old princess and the voice of a singer capable of an Isolde. Byström comes close to both, though she should take her time with expanding to Wagner. Her voice is secure and not the least bit tight at the highest points in the score. Her Salome is not a little timid girl with a big voice, she knows what she wants. There is more to Byström than meets the eye, Salome knows exactly what effect she has on those around her, that not only Narraboth and Herodes are lying at her feet, but probably the entire court.

She delivers Ich verlange den Kopf des Jokanaan with great authority and shines brightest in her final Und das Geheimnis der Liebe ist grösser als das Geheimnis des Todes. We should not miss the important message that Strauss is sending here: Why are we so obsessed with death? Is love not the much bigger mystery?

John Daszak and Michaela Schuster are a delightful combination for Herodes und Herodias. Strauss managed to translate some of the comedy of Oscar Wilde’s original play into the libretto, Daszak and Schuster make the audience laugh several times, especially when they are battling for Salome’s attention around the Dance of the Seven Veils.

However, the standout singer of the night is unquestionably Michael Volle’s Jokanaan. His baritone voice is full-bodied and never in danger of suffering a single hiccup. While he does not have much to do in Salome, he displays the presence on stage that is the hallmark of a veteran operatic actor. I will be hearing and seeing him again in the revival of Barry Kosky’s Meistersinger production at Bayreuth this summer, this was a wonderful first meeting.

Now, finally, to the music itself. Henrik Nanasi conducts the Orchestra of the Royal Opera House with a focus on the raw elements of Strauss’ score, making transitions rasor-sharp and solos stand out. The brass is out in full force, but one still never forgets that this is an opera orchestra playing, with all the regard for the singers that comes with it. In the opening stages of the opera, the orchestra is a little subdued for my taste, but that quickly normalizes. In the Dance of the Seven Veils, the woodwinds make the music glow and the double bases excite with their high notes when the hangman descends to kill Jokanaan.

No boos tonight, none are warrented.

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